Damit Sie sich auch nach Raumwelten über die Inhalte der Veranstaltung informieren können – sei es, weil Sie nicht vor Ort sein konnten oder weil Sie einfach noch einmal das Erlebte nachlesen möchten – haben wir unsere Raumwelten Reporter an Bord.

Die Reporterinnen in diesem Jahr:

Johanna Lentzkow, Patricia Schrock, Emely Arnold & Melina Löwer

Ein Gebäude wie ein Baum: Cradle to Cradle als Innovationsmotor für Gebäude und Stadtplanung

MITTWOCH, 13. NOVEMBER 2019
LECTURE – ADC Design Experience trifft Raumwelten

Prof. Dr. Michael Braungart, Gründer & CEO, BRAUNGART EPEA – Internationale Umweltforschung, Hamburg

Zum Auftakt des Raumwelten Kongresses 2019 wurde das diesjährige Motto “Vermessen!” in Bezug auf die Nachhaltigkeit genauer unter die Lupe genommen. Im Neuen Schloss in Stuttgart sprach Michael Braungart, Erfinder des Cradle to Cradle Design-Konzepts, bei der gemeinsamen Lecture mit der Art Directors Club Design Experience darüber, dass trotz aller gesellschaftlichen Diskussion um ökologische Restriktionen “Intelligente Verschwendung” möglich ist.

Dass wir Menschen angesichts der Verpestung der Luft, der Rodung der Wälder, zunächst als Umweltbelastung wahrgenommen werden, erscheint naheliegend. Müssen wir infolgedessen unseren Fußabdruck reduzieren? Ist unser Handeln schlecht? Müssen wir es beschränken, reduzieren, auf bestimmte Dinge verzichten? Michael Braungart bringt es auf den Punkt: “Wir müssen nicht weniger schlecht sein, wir müssen gut sein! Wir Menschen müssen unseren Fußabdruck feiern, nicht 10% weniger scheiße sein!” Der Mensch als kreatives Wesen muss sich seiner Intelligenz und Kreativität bedienen und somit als Nützling der Natur seinen Teil dazu beitragen, einen positiven Fußabdruck der Menschheit zu hinterlassen. Er hat ein Recht zu existieren und zu handeln.

Cradle to Cradle – von der Wiege zur Wiege: Braungart gibt den Anstoß, alles neu zu denken. Das Ziel ist die umfassende Qualität und Nützlichkeit, denn nur dann kann man von Öko-Effektivität sprechen. Ein Prinzip dabei lautet z.B. “Rohstoff bleibt Rohstoff”. Müll existiert nicht. Alle Materialien, die wir verwenden, sollen in Kreisläufen zirkulieren können und sollen ohne Qualitätsverlust, wie es momentan beim Recycling der Fall ist, als “Nährstoff” für ein neues Produkt verfügbar sein. Man muss in diesem Zusammenhang zwischen biologischen Kreisläufen, der Biosphäre, und technologischen Kreisläufen, der Technosphäre, unterscheiden. Cradle to Cradle ist also besser als Recycling, weil alle Materialien in der Biosphäre oder der Technosphäre komplett verwertet werden können. Des Weiteren ist es wichtig, für die Herstellung intelligenter und kreislauffähiger Produkte erneuerbare Energien einzusetzen und allgemein die kulturelle und biologische Diversität zu feiern und zu fördern.

Im weiteren Verlauf führt Braungart sein Konzept der Triple Top Line an, welches in Bezug auf die Absichten eines Unternehmens zum Ziel hat, Gewinne zu erzielen und den Fokus dabei darauf legt, Nachhaltigkeit und Rentabilität von Anfang an aufeinander abzustimmen. Die Ziele sind also wirtschaftlich und gesellschaftlich positive Auswirkungen und in Bezug auf die Umwelt möglichst keine Auswirkungen zu erzielen, im besten Fall eine Steigerung der Effektivität.

Es geht um die Qualität des Materials. Die Industrie muss darauf umsteigen, die Nutzung der Maschine anstelle von Maschinen selbst zu verkaufen. Es muss umgedacht werden: Wir brauchen keine Waschmaschine, wir brauchen saubere Kleidung. Hersteller suchen immer nach den billigsten Produkten für ihre Anwendung. Eine Waschmaschine enthält bspw. 150 verschiedene Plastiksorten, würde aber praktisch mit fünf Sorten auskommen. Die Folge wäre eine Preissteigerung des Geräts.

“Es gibt keine schlechte Architektur, nur die Abwesenheit von Qualität.” Auch in Bezug auf die Architektur zeigt Braungart, dass man noch viele Probleme zu lösen hat. Nicht nur sind 40% der Häuser in Baden-Württemberg von Schimmel befallen und infolgedessen die Luft im Gebäude schlechter als an der frischen Luft, auch das Passivhauskonzept sieht Braungart kritisch: “Wir machen das Falsche perfekt.” Es handelt sich nicht um die Lösung des Problems, sondern um die Optimierung des Fehlerhaften. Gebäude wie Bäume, Städte wie Wälder: Das Ziel sind gesunde Häuser und Städte. Viele positive Eigenschaften von Bäumen lassen sich in die Gestaltung von Gebäuden umsetzen und erhöhen die Lebensqualität für Mensch und Umwelt. Das Gebäude kann als gesunde Materialbank fungieren, bei dem das Material seinen Status als Ressource, die immer wieder genutzt werden kann, behält. Das Material wird als Teil biologischer und technischer Kreisläufe definiert.

Wir müssen umfassende Schönheit schaffen, nicht beschönigen. Es müssen neue Businessmodelle gedacht werden, Cradle to Cradle macht die Designer mächtig. Man muss die richtigen Mittel einsetzen, sonst ist der Schritt in die richtige Richtung nur ein Alibi. Wir müssen den Menschen als Chance begreifen.

Keynote – Sound Futures

DONNERSTAG 14. NOVEMBER 2019

David Claringbold, Chief Marketing Officer, d&b audiotechnik, Stuttgart

Eine Reise in die Zukunft der Klänge

Akustisch erzeugte Schallschwingungen oder auch elektronisch generierte Klänge sind immer im Zusammenhang des kulturellen Erbes zu verstehen. Letztendlich geht es in der Welt der Töne um die Beziehung zwischen Künstler und Zuhörer. Die Technik ist lediglich ein Vermittler.

David Claringbold arbeitet damit, Strukturen zu entwickeln, welche uns als Gesellschaft verbinden. Er geht davon aus, dass ein Geräusch Zeit benötigt und die Kreativität der Klänge wiederum Raum braucht. Um die Töne bestmöglich in Szene zu setzen gibt es Resonatoren, welche den Klang zu einem besonderen Erlebnis werden lassen. Die Architektur und ihre Akustik erzielen eine spezifische Wirkung. Beispiele sind Kirchen, Konzerthallen, Opern, Theatersäle, aber auch die mit Stickern beklebte Kneipenbühne. Sie alle transportieren eine besondere Atmosphäre. Ganz andere Erwartungen implizieren das Musikfestival in der Wüste, der Konferenzsaal, das Fußballstadion oder das Einkaufszentrum. Was alle gemeinsam haben ist das Ziel, die Besucher zu entertainen und zum andauernden Aufenthalt zu animieren. Dieses Potential wird allerdings selten ganz ausgeschöpft. Die Relevanz alle Sinne anzusprechen ist hoch. Jedoch wird in Projekten überdurchschnittlich viel Geld für das Sehen ausgegeben, weit mehr als überhaupt wahrgenommen werden kann. Daher liegt die Zukunft eines tiefgreifenderen Raumerlebnisses auch in der Gestaltung von Klängen. Der Klang ist nicht beschränkt auf einen Raum. Die Kunst ist es, dem Klang eine Gestalt zu geben und somit eine Tiefe in vielen Dimensionen zu erzeugen. Ein Raum kann mit diesem Ansatz viele Klangräume beinhalten, wenn ein Mix zwischen Architektur, Dramaturgie und Technologie integriert wird.