Damit Sie sich auch nach Raumwelten über die Inhalte der Veranstaltung informieren können – sei es, weil Sie nicht vor Ort sein konnten oder weil Sie einfach noch einmal das Erlebte nachlesen möchten – haben wir unsere Echtzeit-Redaktion ins Leben gerufen. Studierende sind als rasende Reporter bei Raumwelten unterwegs.

Start-up Lecture: Urban mobility NeXt

MITTWOCH, 14. NOVEMBER 2018

Urban mobility NeXt

Tom Siegel, Zukunftsforscher – Daimler, Sindelfingen

Zum Auftakt des Raumwelten-Kongresses hielt Zukunftsforscher Tom Siegel am Mittwochabend die erste Start-Up Lecture mit dem Titel „Urban mobility NeXt“. Hierbei gab er Einblicke in sein Schaffen im Hinblick auf zukünftige Herausforderungen für Städte, insbesondere für die urbane Mobilität.

Forschungen zufolge werden im Jahr 2050 9.8 Billionen Menschen auf der Welt leben, von denen circa 70% in Städten wohnen werden. Dies hat eine hohe Verdichtung und eine höheres Verkehrsaufkommen zur Folge, worauf die urbane Mobilität mit geeigneten Mitteln reagieren muss. Vorrangige Ziele der Städte sind es, die Verkehrslärm-, Emissions- und Geruchsbelastung zu senken. Dies muss einhergehen mit einer veränderten Mobilität. Doch wie sieht diese genau aus?

Viele Städte weltweit haben schon längst begonnen, sich auf diese Herausforderungen der Zukunft vorzubereiten. Vorzeigebeispiele sind “the LOOP” in Kopenhagen, “the big dig” in Boston und “Chenggyecheon” in Seoul. Alle diese Projekte haben zum Ziel, dem öffentlichen Verkehrsraum den dominierenden Verkehrscharakter zu nehmen und zum Erholungscharakter werden zu lassen.

Als Zukunftsforscher ermittelt Tom Siegel unter der Betrachtung von Vergangenheit und Gegenwart, welche Szenarien in der Zukunft mit einer hohen Wahrscheinlichkeit eintreten werden. Die Möglichkeiten des Eintretens verschiedener Szenarien werden auf Plausibilität getestet und somit wahrscheinliche oder wünschenswerte Ereignisse herausgefiltert.

Als wichtigste Treiber der zukünftigen urbanen Mobilität nennt er das autonome Fahren, connected traffic, artificial intelligence und geteilte Mobilität, wie z.B. das Carsharing. Autonome, selbstfahrende Fahrzeuge ermöglichen es, die Fahrzeit individuell zu nutzen, bspw. zum Arbeiten, Zeitunglesen, Schlafen etc. Autonome Fahrzeuge können jedoch nicht nur Personen, sondern auch dem Transport von Gütern dienen, wie man bereits an voll autonomen Caterpillars im afrikanischen Bergbau erfolgreich sehen kann. Tom Siegel stellt die Idee eines vierrädrigen Unterbaus mit variablen Überbauteilen vor, die für unterschiedliche Zwecke verwendet werden können und somit ebenso geteilt genutzte Fahrzeuge sind. Diese Idee der mehrfachen Verwendbarkeit wirkt dem Aspekt entgegen, dass das eigene Auto durchschnittlich 23 Stunden am Tag steht und Platz wegnimmt. Intelligente Verkehrssysteme würden zudem mehr freien und neu nutzbaren Raum schaffen. Unter der Annahme von TaxiBots und öffentlichen Transportmitteln würden wir mit 10% der Fahrzeuge auskommen. Zu Stoßzeiten würden 35% der Fahrzeuge die gleiche Mobilität gewährleisten. Auch Carsharing unterstützt diesen Prozess. Zusätzlich entsteht durch den Rückbau von bestehenden Verkehrsstrukturen und strikten Verkehrstrennungen “neuer” öffentlicher, flexibel nutzbarer Raum.

Diese offene Benutzbarkeit lässt sich auch in der Architektur ablesen. In sogenannten Co-Working-Spaces werden Funktionstrennungen aufgebrochen, es finden eine Durchmischung und ein Austausch statt. Der Raum wird flexibel und vielfältig nutzbar. Auf die Stadtplanung übertragen heißt das, dass sich der Verkehr beim Auflösen der strikten Funktionstrennungen verflüssigt.

Eine Voraussetzung allerdings, die bei allen Lösungen der urbanen Mobilität gegeben sein muss, ist die Masse des Angebots. Es muss möglichst viel in möglichst naher Umgebung angeboten werden, um das Netz des öffentlichen Personennahverkehrs so attraktiv wie möglich zu machen. Eine intelligente Infrastruktur, die auch Stadtrandgebiete mit einschließt, ist also Grundlage einer funktionierenden zukünftigen urbanen Mobilität. Ein schönes Beispiel dazu ist der SSB Van, der die Fahrgäste zur Haltestelle bringt, damit auch hier das Fahren mit dem eigenen Auto entfällt.

Trotz aller Forschung wird man jedoch erst in Zukunft sehen, welche spezifischen Mobilitätslösungen mit viel Raum für neue Ideen und Geschäftsmodelle in den Städten entwickelt werden. Mit einem treffenden Zitat von Dennis Gabor schließt Tom Siegel seinen Vortrag: “Wir können die Zukunft gar nicht vorhersagen, wir können sie allenfalls erfinden.”

Start-up Lecture: Independence Day: Resurgance - von Raumschiffen und Aliens

MITTWOCH, 14. NOVEMBER 2018

Independence Day: Resurgance – von Raumschiffen und Aliens

Johannes Mücke, Managing Director – Wideshot Design, Wien

Unter dem Thema Zukunftsforschung stand auch der zweite Vortrag der Start-up Lecture am Mittwochabend. Anstelle von Gestaltungskonzepten für eine nahe, denkbare Zukunft stellte Architekt Johannes Mücke, Mitgründer des Wiener Design-Studios Wideshot, ein Projekt vor, in dem er mit seinem zwanzigköpfigen Team dystopische Szenarien für den Science-Fiction-Blockbuster „Independence Day: Resurgance“ (2016) entwickelte.

In der „Lichtwolke“ gab er den Besuchern einen Einblick in die Arbeit der Firma, deren Projekte sich interdisziplinär auf die Bereiche Architektur, Entertainment und Film erstrecken. Durch Zufall gelang es dem Architekten vor ein paar Jahren einen simplen Kurzfilm für Roland Emmerichs Produktion „2012“ beizusteuern, der für einige Sekunden in dem Weltuntergangsszenario zu sehen ist. Seitdem klingelt im Wiener Design-Studio das Telefon immer dann, wenn nach neuen Ideen für Raumschiffdesign oder futuristischer Architektur gesucht wird.

Johannes Mücke, der Architektur studierte, interessierte sich seit je her gleichermaßen für Entertainment. Die Schnittstelle dieser beiden Bereiche sieht er im Setbau, worauf er sich neben dem Entwerfen klassischer Gebäude spezialisiert hat.

Zunächst wurde Mücke um einen Entwurf für das “Moon Tug” Spaceshuttle gebeten. Doch nachdem der Designvorschlag tatsächlich von Emmerich für den Film übernommen wurde, folgten eine Vielzahl weiterer Aufträge für den Architekten und das Wiener Büro: Über das feindliche Mothership, das sich wie ein Parasit über die Erde legt, das Cockpit der Alien-Fighter hin zu Storyboard-Zeichnungen, Setbau und schließlich auch dem Filmtiteldesign.

Inspiration holt sich das Team um Johannes Mücke teilweise auch aus der Natur, genauer aus dem Bereich der Bionik. So dienten beispielsweise mikroskopische Aufnahmen von Fliegenbeinen als Vorlage für die Greifarme des Motherships.

Laut Johannes Mücke ist es wichtig, die Sehgewohnheiten der Menschen zu kennen und ernst zu nehmen, um in dieser fiktiven Welt des Films auf eine gewisse Weise physikalisch nachvollziehbare Szenarien zu schaffen, eine Plausibilität zu erzeugen. So will er den Besucher abholen und ihm die Möglichkeit geben, das Vorgehen im Film zu verstehen. Wir sind gespannt, mit welchen kreativen Ideen er uns noch faszinieren wird.

IBA Special Lecture

DONNERSTAG, 15. NOVEMBER 2018

IBA SPECIAL LECTURE

In einer unvergleichlichen Art und gespickt mit viel englischem Humor präsentierte uns Professor Sir Peter Cook am Donnerstagabend im Stuttgarter Haus der Architekten eine Rückschau auf die ganze Bandbreite seiner Arbeiten, von skizzierten Luftschlössern bis hin zu gefeierten Bauprojekten. Bekannt wurde Sir Peter Cook durch seine avantgardistischen und neofuturistischen Zeichnungen meist imaginärer Architekturprojekte, die er in den 1960er Jahren veröffentlichte. Sein Ziel und auch das seiner Architekturgruppe Archigram war es, befreiende Architektur zu entwerfen. Bis heute konnte sich Cook sein unkonventionelles Denken in der gestalterischen Herangehensweise bewahren. Für viele Besucher von Raumwelten war es das diesjährige Kongress-Highlight, die stilprägende Architekturikone im Vortrag live erleben zu können.

In sehr bunten und flippigen Handzeichnungen, die teils sogar Science-Fiction- ähnliche Züge hatten, hielt er seine Ideen und Träume fest und brachte sie den Zuhörern nun im Vortrag näher. Er entwarf sowohl klassische Gebäude als auch komplexe Megastrukturen, wie zum Beispiel die Plug-In City, die eine Tragstruktur mit beweglich austauschbaren Wohnelementen darstellt. Cook sieht hier eine Ästhetik der Unvollständigkeit und der ständigen Weiterentwicklung. Seine Konzepte entstehen durch die Metamorphose einer Idee. Durch Handzeichnungen entwickeln sie sich weiter, bis sie sich selbst organisieren. Auch seine Träume sind konzeptgebend: “the dream of slithering”, “the dream of melting”, “the dream of overgrowth”, “the dream of flying”. Letzteren hat er bei einem seiner vergleichsweise wenigen realisierten Projekte in die Realität umsetzen können: das Kunsthaus in Graz erweckt den Anschein, in den Himmel zu fliegen und gehört mit seiner biomorphen Freiform zur “Blob-Architektur”, die auch unter dem Begriff “Nicht-Standard” oder der “Freiform-Architektur” zu verstehen ist. Diesem Bauwerk verdankt Sir Peter Cook auch seinen Spitznamen “Mr. Blob”. Und trotzdem, Sir Peter Cook möchte nicht als Träumer missverstanden werden, sagt er: “Actually I’m just quite interested in stuff.”

Nanni Grau fing mit Hütten an und baut nun Paläste. 2005 gründete sie gemeinsam mit Frank Schönert ihre Berliner Firma Hütten & Paläste. Sie beschäftigt sich viel mit Bestandsbauten und ergänzt sie je nach Konzept mit geeigneten Erschließungen und einer möglichst ressourcenschonenden Architektur, bei der sie zero waste anstrebt. Mit den bestehenden Ressourcen eine neue Lebensqualität zu schaffen, Vorhandenes zu nutzen, aus wenig Raum und Möbel viel Funktionalität und Komfort entstehen zu lassen und dabei in Kombination mit dem Garten einen Sehnsuchtsort, Spielraum und selbstbestimmten Lebensraum zu schaffen, zeigt sie eindrucksvoll am Beispiel “Finnhütte”. Eine kleine Hütte mit hoher Nutzungsqualität, in der Innen- und Außenraum geschickt verknüpft werden.

Berlin – eine Stadt, die ständig in Bewegung ist. Immer mehr in den Mittelpunkt rücken Teilen und Teilhaben, aber auch die Sehnsucht nach Autarkie und Selbstbestimmtheit sowie der Wunsch nach ganzheitlichen Lebensmodellen treten immer mehr nach vorne. Es gilt Räume zu schaffen, in denen gelebt, gearbeitet und gewohnt werden kann. Genau in dieser Stadt arbeitet Nanni Grau aktuell an vielen weiteren, spannenden Projekten wie z.B. am ehemaligen Kindl-Areal, in dem eine neue Kulturstätte geschaffen und soziale Wohn- und Arbeitsstätten vereint werden sollen. Ein urbanes Experiment mit Mut zur offenen Architektur und dem Kredo, dass Müll nicht mehr existiert, sondern es nur noch Ressourcen gibt, aus denen Neues entsteht. Ein wichtiger Denkanstoß für alle Gestalter!

Keynote: Räume aus Klang

DONNERSTAG, 15. NOVEMBER 2018

Räume aus Klang

Prof. Florian Käppler, Creative Director – KLANGERFINDER, Stuttgart

Die erste Keynote auf dem diesjährigen Raumwelten Kongress eröffnet Prof. Florian Käppler, Creative Director von KLANGERFINDER Stuttgart. Und gleich zu Beginn verwandelt er diese in ein ganz besonderes Erlebnis. Der Beamer wird ausgeschaltet, das Licht ebenfalls, wir schließen unsere Augen und begeben uns auf eine Reise, in der in erster Linie der Fokus auf die auditive Wahrnehmung gelegt wird. Wir hören Klänge wie den pochenden Herzschlag eines fünf Monate alten Embryos, tauchen ein in die unheimlichen Töne eines Urwalds, hören vergnügtes Vogelgezwitscher, lauten Regen prasseln, unangenehmes Piepen aus einem Krankenzimmer, Kinderstimmen. Wir stellen fest, dass wir nicht nur mit den Ohren hören, sondern mit unserem ganzen Körper Klänge wahrnehmen – ganz besonders tiefe Frequenzen spüren wir deutlich. Auch wird schnell klar, dass wir uns von unangenehmen Lauten abwenden und wohltuenden zuwenden.

Als Stille nehmen wir angenehme, leisere Geräusche wahr, die sonst oft von anderen, lauteren überdeckt werden. Befinden wir uns also in der Natur, hören das Blätterrauschen des Waldes, das Plätschern eines Baches, das Singen eines Vogels, so haben wir das Gefühl uns entspannen zu können – im Gegensatz zur absoluten Stille, die nur “künstlich erzeugt” werden kann. In solchen Räumen halten wir es nicht lange aus. Prof. Florian Käppler betont auch, wie wichtig es ist, für Raum- und Stadtplaner nicht nur durch optische Besonderheiten den Sehsinn anzusprechen, sondern auch an “gute Klänge” für Städte zu denken, da sie eine wichtige Rolle spielen. Vor allem unterbewusst. So wurde beispielsweise herausgefunden, dass bei französischer Hintergrundmusik im Supermarkt vermehrt französischer Wein gekauft wurde, bei deutscher Musik deutscher Wein. Und auch beim Weingenuss ist erstaunlich, dass wir den Wein als schwer und kräftig empfinden, wenn wir währenddessen “schwere Musik” hören und als leicht und spritzig, wenn die Musik ebenso ist.

Musik und Raum verbindet eine existenzielle und enge Bindung. Durch Klang ist zum Beispiel beeinflussbar, wie groß, klein oder wie warm bzw. kalt wir einen Raum empfinden. Ob sich mit dem geeigneten Sound womöglich auch Heizkostn senken ließen?

Mit seinem Vortrag vermittelte Prof. Florian Käppler, dass auch das Hören eine große Rolle beim Sehen spielt und es sich lohnt, nicht nur für die Augen, sondern auch für die Ohren zu designen.

Mit einem Zitat von Lorenz Onken ließ er uns wieder die Augen öffnen: “Das Auge führt den Menschen in die Welt, das Ohr führt die Welt in den Menschen ein.”

Panel 1: Business - Experiencing Senses - die sinnliche Inszenierung im Business-Alltag

DONNERSTAG, 15. NOVEMBER 2018

PANEL 1: Experiencing Senses – die sinnliche Inszenierung im Business-Alltag

kuratiert und moderiert von Roman Passarge

“Von Sinnen!”

Als reale Menschen gehen wir mit all unseren Sinnen durch die Welt und erleben diese. Viele Eindrücke nehmen wir nur unterbewusst wahr, die nichtsdestotrotz Auswirkungen auf unser Handeln, unsere Wahrnehmung und unser Wohlbefinden haben. Was braucht also ein Raum, dass alle unsere Sinne gezielt angesprochen werden? Wie kann Atmosphäre und räumliche Kommunikation geschaffen werden? Wie spielen die verschiedenen Sinne bei der Gestaltung von Räumen zusammen?

Das erste Panel der diesjährigen Raumwelten, kuratiert und moderiert von Roman Passarge, beschäftigt sich mit dem Thema, wie Architektur und Design ein dem jeweiligen Thema angemessenes, sinnliches Erleben ermöglichen. An den hervorragenden Beispielen des Konzertsaals der Elbphilharmonie Hamburg und des Restaurants LUXX (Kunsthalle Mannheim) wird gezeigt, wie Raum für uns Menschen zum “sinnlichen” Erlebnis wird.

Der Architekt Philipp Loeper erklärt zunächst, dass das Hauptaugenmerk beim Bau der Elbphilharmonie natürlich auf der räumlichen Qualität des “Großen Saals” lag. Durch ein perfektes Zusammenspiel von Raumgeometrie, Materialien, Oberflächenstruktur und Lichtkonzept wird er zum Erlebnis. Um Akustik- und Schalluntersuchungen vorzunehmen, wurde der Saal zunächst im Maßstab 1:10 als Modell nachgebaut. Mithilfe des Modells konnte ermittelt werden, an welcher Stelle, mit welcher Neigung und Tiefe der Fräsung die akustischen Panele, die sogenannte “weiße Haut”, angebracht werden müssen, um den Schall der Musik in jede Ecke des Saals tragen zu können und keine Schallenergie zu verlieren.

Im Panel war Roland Hasenkopf, der Geschäftsführer der Hasenkopf Industrie Manufaktur, anwesend und berichtete von der “weißen Haut“, die von seiner Firma geschaffen wurde. Die besondere Oberflächenstruktur der 10.287 einmaligen Gipspanele wurde maschinell gefräst, besitzt jedoch trotz dieser digitalen Bearbeitung aufgrund des natürlichen Materials handwerklichen Charakter. Hasenkopf berichtete, dass insgesamt sieben Jahre lang, mit entsprechenden Pausen, gefräst wurde und anfangs 80% der fertigen Platten lagerten, ohne dass auch nur ein Teil eingebaut war. Jeglicher Aufwand bzgl. der Innenraumverkleidung hat sich jedoch gelohnt und zahlt sich jetzt mit einer sensationellen Akustik aus.

Neben der akustischen Wirksamkeit musste auch eine Lichtlösung im Konzertsaal an den Tag gelegt werden. Hier berichtete Julian Lonsdale (Zumtobel), dass das Lichtkonzept in enger Zusammenarbeit mit den Architekten Herzog & de Meuron, Philipp Loeper, dem Lichtplanungsbüro Ulrike Brandi Licht und dem Glasgestalter Detlef Tanz entwickelt wurde. Im Jahr 2006 begann man mit der Lichtplanung und versuchte zunächst, allen Anforderungen, wie stufenloser Dimmbarkeit, Farbtemperaturverschiebung und Fernsehtauglichkeit, gerecht zu werden. Trotz vieler Widersprüche auf technisch höchstem Niveau gelang dies nach einer ungefähr zehnjährigen Entwicklung bis zur absoluten Perfektion in Form einer Sonderleuchte.

Die mundgeblasenen Glaskugelleuchten wurden in 1.200-facher Ausführung vom anwesenden Detlef Tanz hergestellt. Auch hier konnten keine Standards verwendet werden, da die Architekten ganz besondere Vorstellungen hatten: die Glaskugel sollte an der Unterseite möglichst wenig Materialstärke aufweisen, um möglichst viel Licht durchlassen zu können. Auf der Oberseite jedoch sollte das Glas dicker sein, damit Licht reflektiert wird. Nach 22 vergeblichen Versuchen fand man in Detlef Tanz schließlich den passenden Partner. Dank ihm tauchen die Leuchten wie lichtgefüllte Wasserblasen aus der wellenförmigen Akustikdecke auf. Erst das Licht setzt den Konzertsaal in Szene und ermöglicht es, sich auf das Klangerlebnis zu konzentrieren.

Die oberste Prämisse der Architekten war höchste Qualität. Es fällt auf, dass in fast allen Bereichen Sonderanfertigungen notwendig waren. Stellt sich die Frage, warum nicht einfach Standards verwendet wurden bzw. wozu diese unglaubliche Anstrengung? Die Faszination und innere Motivation, bei einem so großen Projekt wie der Elbphilharmonie mitwirken zu können, spornte jeden Partner an. Des Weiteren erklärten die Mitwirkenden, dass solch große Projekte Initialprojekte sind, die durch Herausforderungen die Möglichkeit bieten, Technologien weiterzuentwickeln. Dass hinter der Entstehung der Elbphilharmonie also nicht nur die Architekten Herzog & de Meuron stehen, sondern eine Vielzahl an Mitwirkenden notwendig ist, wurde auf beeindruckende Art und Weise gezeigt.

Das zweite Vorzeigeprojekt, welches Kurator Roman Passarge auswählte, war das Restaurant LUXX in der Kunsthalle Mannheim. Dr. Stephan N. Barthelmess, kaufmännischer Leiter der Kunsthalle Mannheim, erklärte zunächst das architektonische Prinzip der Kunsthalle: die Merkmale der barocken Quadrate-Stadt Mannheim wurden ins Innere des Gebäudes übernommen – nach dem ‘Stadt in der Stadt’-Prinzip ordnen sich kubische Ausstellungshäuser hierarchisch um einen zentralen Platz an. Dieser zentrale Platz ist das öffentlich zugängliche Atrium, welches sich in einem 22 Meter hohen Luftraum erstreckt. Barthelmess fasste passend zusammen: “Die Kunsthalle Mannheim ist ein Museum in Bewegung nach dem Verständnis einer Stadt in der Stadt: engagiert und mitreißend, innovativ und weltoffen.”

Das LUXX greift die historische Stadtstruktur ebenfalls auf und bricht diese zugleich – in der Schnittstelle, als Netzwerk und Treffpunkt. Des Weiteren soll das LUXX ein Ort für Kontemplation durch Reduktion sein. Die Besucher gehen nach ihrem Museumsbesuch essen und sollen die Möglichkeit bekommen, ihre visuellen Eindrücke verarbeiten zu können. Es wird eine gewisse Sinnlichkeit geschaffen, alles nimmt sich zurück, so auch die Materialität, die sich in einer Natürlichkeit und einer reduzierten Farbgebung zeigt. Die Herausforderung des Projektes war laut Interior- und Productdesigner Joscha Brose, ein effizientes und funktionierendes Restaurant auf außerordentlich engem Raum zu schaffen. Seine Herangehensweise dabei war, aus Konflikten Konzepte zu machen. Die Treppe beispielsweise musste direkt vor den Tresen gesetzt werden, da es der Raum nicht anders zuließ. Durch eine farbliche Übereinstimmung der beiden Elemente wurde jedoch ein Monolith geschaffen, der wie gewollt scheint. Dem Problem, dass die zweite Ebene des Restaurants komplett fensterlos ist, wirkte er damit entgegen, dass er an der Wand einen Zeichenroboter installierte, der von Gästen zugesendete Bilder in abstrakter Art und Weise an die Wand zeichnet. Die Wand scheint quasi gemacht für diese Nutzung.

Der Gastronomieberater Dipl. Kfm. Ingo B. Wessel erklärte, dass neben der Suche eines geeigneten Wirtes und der Beseitigung architektonischer Missstände letztendlich alles dazu führen muss, dass eine Sinnlichkeit unterbewusst wahrgenommen wird. Die Kunst muss in den Köpfen nachschwingen können. Wenn sich beispielsweise der Service wohlfühlt, wirkt sich das unterbewusst positiv auf die emotionale Lage des Gastes aus. Sinnlichkeit kann überall wahrgenommen werden, auch wenn wir es an bestimmten Orten vielleicht nicht erwarten, und es sind diese bereichernden Erlebnisse, die unser Leben ausmachen.

Panel 2: Arbeitswelten - Senses at Work

DONNERSTAG, 15. NOVEMBER 2018

PANEL 2 – Arbeitswelten: Senses at Work

kuratiert und moderiert von Veit Haug

Regisseurin, Schriftstellerin und Filmproduzentin Doris Dörrie eröffnet Panel 2 der diesjährigen Raumwelten, das sich mit den Sinnesansprachen in der Arbeitswelt beschäftigt. Während des Vortrags ist ein Foto mit markanten Baumwurzeln in einem Park in Japan zu sehen. Keine andere Ablenkung. Der Fokus ist ganz beim Wesentlichen: Wo verwurzeln wir uns? Wo stehen wir? Wo sind wir wirklich, wenn wir arbeiten? Dörrie formuliert diese drängenden Fragen, mit denen wir uns in der nahen Zukunft auseinandersetzen müssen. Unsere gebauten Arbeitswelten vernachlässigen häufig entscheidende Sinne des Menschen. An unseren meist von Technik geprägten Arbeitsräumen fehlt es an qualitätsvollen oder ästhetischen Reizen, die alle unsere Sinne ansprechen. Auch Kurator Veit Haug erklärt im Voraus, dass das Gestalten von “sinnlichen” Räumen eine komplexe Aufgabe ist und das Zusammenwirken von verschiedenen Parametern erfordert: Raum, Licht, Material, Akustik, Temperatur, Geruch, Orientierung, soziale Interaktion, Grünflächen. Auch Dörrie betont die Wichtigkeit dieser Aspekte.

Dann eine Übung: jeweils 10 Minuten soll man seinem Gegenüber erzählen, was man arbeitet, wie der Weg zur Arbeit ist, wie man die Arbeit und sein Arbeitsumfeld empfindet. Der Zuhörer ist in diesen 10 Minuten wirklich nur Zuhörer, darf weder kommentieren, noch nachfragen. Dann werden die Rollen getauscht. Interessant ist, dass eine solche Kommunikation mit einer vollkommenen Fokussierung auf das eigene Gegenüber selten stattfindet: Erzählen, ohne unterbrochen zu werden, aktives Zuhören und auch bewusstes Voraugenführen der eigenen Arbeitssituation.

Dr. Alexander Rieck vom Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO in Stuttgart warnt vor den Gefahren künstlicher Intelligenz. Harmlos wirkende Roboter wie “Alexa” oder ein autonomer Staubsauger können umfassende Informationen sammeln und weitergeben. So kann der Besitzer beispielsweise in Zukunft genau die Werbung und Empfehlungen erhalten, die seinem Nutzerverhalten und seinen Lebensgewohnheiten entsprechen. Wir leben in einer virtuell vernetzten Welt. Die Mechanismen, auf denen unser Netzwerk basiert, sind für uns nicht greifbar. Er gibt auch an, dass sich Systeme der künstlichen Intelligenz momentan durchschnittlich alle drei Monate in ihrer Leistungsfähigkeit verdoppeln.

Die zurzeit mächtigen Firmen wie Google, Airbnb, Amazon und Uber sind alle Beispiele für Business ohne das eigentliche Objekt. Airbnb ist der größte Hotelier, besitzt aber kein einziges eigenes Hotel. Uber ist der mächtigste Taxiunternehmer ohne eigenes Taxi, so hat auch Amazon keine eigenen Geschäfte und natürlich auch Google, welches, wie Rieck betont, “uns alle” besitzt und dadurch ständig wächst.

Matthew Blain vom Architekturstudio HASSEL (London) hält die Instanzen WE, ME und ALL für sehr bedeutend in der heutigen Büroplanung. Arbeitsplätze sollen freier, flexibler, offener gestaltet werden. Sie sollen mehr sein als nur ein Ort zum Produzieren. Eine möglichst angenehme, “sinnliche” Arbeitsumgebung soll dazu führen, gerne am Arbeitsplatz zu arbeiten. Mit dem Bürogebäude in Melbourne für den Firmensitz des australischen Krankenversicherers Medibank ist HASSEL durch perfektes Design einer der gesündesten Arbeitsplätze weltweit gelungen. Das Gebäude verkörpert die Themen Gesundheit, Zusammenarbeit, Innovation und Inspiration. Über 30 verschiedene Arbeitsumgebungen – von Ruhezonen über Co-Working-Spaces bis hin zu Balkonen etc. – stehen den Mitarbeitern zur Verfügung. Es ist ihnen also selbst überlassen zu entscheiden, wie sie arbeiten wollen, im Loungebereich, im Stehen, wie auch immer.

Ein wichtiger Aspekt des Bürokonzeptes ist Sport und gesunde Ernährung: Das Gebäude besitzt einen eigenen Sportplatz. Auch die auffällige Rampe, die sich im Inneren des Gebäudes spiralförmig nach oben schraubt, bietet dem Mitarbeiter die Möglichkeit, sein Fahrrad direkt mit ins Gebäude zu nehmen und so insgesamt für mehr Sport zu motivieren. Des Weiteren werden Kochkurse angeboten, mithilfe derer sie ihr eigenes gesundes Mittagessen kochen können. Ein anderes wichtiges Element sind die vielen Pflanzen im Gebäude. Der Anblick soll entspannen, außerdem wirken sie sich positiv auf das Stresslevel aus und verbessern die Luftqualität. Auf das Thema Nachhaltigkeit wurde beim Bau des Medibank Place ebenfalls ein großes Augenmerk gelegt. Auf dem Dach sind Solarzellen angebracht, es wurde ressourcenschonend gebaut und das Tageslicht möglichst effizient ausgenutzt, um einen geringen Stromverbrauch generieren zu können. All diese Maßnahmen wirken sich nachweislich sehr positiv auf die Angestellten aus: sie gehen gerne zur Arbeit, sie sind inspiriert, kreativ und fühlen sich gesünder.

Das Beispiel zeigt beeindruckend, wie sehr wir von einer guten Gestaltung am Arbeitsplatz profitieren können, sowohl gesundheitlich als auch bezüglich der Produktivität. In so einem Büro würden wir doch gerne arbeiten!

Panel 3: Architektur - Raumsinn

FREITAG, 16. NOVEMBER 2018

PANEL 3 – Architektur: Raumsinn

kuratiert und moderiert von Prof. Tobias Wallisser

“Das eigentliche Thema der Architektur ist der Raum, und zwar der gestimmte Raum, also die Atmosphäre.” Dieses Zitat stammt von dem Theoretiker Gernot Böhme, mit dessen Kern sich das dritte Panel der Raumwelten auseinandersetzt: Raumsinn. Wie entwirft man Atmosphäre? Welche Faktoren müssen berücksichtigt werden? Welche sind schon in der Planungsphase miteinzubeziehen?

Das Panel, moderiert und kuratiert von Prof. Tobias Wallisser, beschäftigt sich mit den Fragen der Raumbildung. Jeden Raum nehmen wir tagtäglich unterbewusst oder bewusst anhand von visuellen, akustischen, taktilen oder olfaktorischen Eindrücken wahr. Die Vielzahl an gestalterischen Mitteln, durch die wir uns in Räumen wohlfühlen und uns womöglich sogar an den Raumeindruck erinnern können, wurde in den Vorträgen eindrucksvoll aufgezeigt.

Von einem extrem hohen Wiedererkennungswert zeugen die Wolkeninstallationen von Wolfgang Kessling, Physiker und Partner der Transsolar Energietechnik (München). Mit ausgeklügelter Technik bringt er das Naturerlebnis auf künstliche Art und Weise in den Raum, eine höchst spektakuläre Erfahrung, die in den Besuchern Faszination und sofortige Ruhe auslöst. Wolken entstehen dadurch, dass warme Luft abkühlt, absinkt, auf kalte Luftschichten trifft und so das Wasser in der warmen Luft kondensiert, laut Kessling vergleichbar mit dem Prinzip eines Cappuccinos. Die höchstfragile Installation weist Temperaturunterschiede von nur 5 °C auf und kann bei schädlichen Einflüssen innerhalb von zehn Sekunden vollständig ablüften. Einer der wohl anspruchsvollsten Umgebungen war Kessling in den Münchner Kammerspielen ausgesetzt. Die Anforderung war es, für die Dauer von einer Stunde eine Wolke poetisch und ruhig über der Bühne stehen zu lassen, dies jedoch unter Berücksichtigung der hohen Luftzirkulation durch das Publikum und die Aktoren auf der Bühne. Zu den ohnehin schon schwierigen Bedingungen kamen auch noch Störfaktoren wie Kerzen auf der Bühne dazu, welche unter Absprache der Schauspieler während des Stück unauffällig gelöscht werden mussten, da diese sonst Löcher in die Wolkendecke reißen würden. Die Wolke gelang. Was auf eine meisterhafte technische Leistung schließen lässt. Neben weiteren “Cloudscapes” auf der Biennale in Venedig, der Light+Building-Messe in Frankfurt und im ZKM in Karlsruhe, war der eigens entwickelte Schauraum für die Marke Cartier in Paris ein Highlight. Cartier wollte sein neues Parfüm vorstellen. Kessling setzte das auf einmalige Art und Weise um. In einem mit einer Innentreppe versehenen kompakten Glaskubus schuf er eine Wolke. Diese diente als olfaktorische Grenze zwischen Luft unterhalb und Parfüm oberhalb, sodass der Besucher beim Besteigen der Treppe über der Wolkendecke das Parfüm riechen konnte. Eine Werbung, die eindrucksvoller kaum sein könnte!

Kessling führt uns aber nicht nur in seine Wolkenwelt ein, sondern berichtete auch von “anderen Interventionen”, wie er es nannte. Transsolar entwickelte ein innovatives Klimakonzept für die Floating University in Dhaka, Bangladesch. Statt konventionellen Glasfassaden und mechanischer Lüftung setzt Kessling auf hybride Lüftung und adaptiven Komfort: hervorragende Raumluftqualitäten bei gutem thermischen Komfort – und das in den Tropen. Durch das Nutzen der Windbewegung und einer offenen, durchlüfteten Baustruktur gelingt es, den Energiebedarf deutlich zu reduzieren. Das gleiche Prinzip wendet er auch beim Gebäude der School of Design in Singapur an, welches zudem noch ein Netto-Null-Energiehaus ist. Das bedeutet, das Gebäude produziert so viel Energie wie es selbst benötigt. Der Schlüssel zur Realisierung war ein Umdenken: die hohen Temperatur- und Feuchtigkeitswerte in den tropischen Klimazonen sind insbesondere in Kombination mit erhöhten Luftgeschwindigkeiten vollkommen akzeptabel und generieren thermischen Komfort – also weg von Klimaanlagen hin zu herkömmlichen Systemen wie Deckenventilatoren. Zum Abschluss betonte Kessling, dass auch der Außenraum in warmen und feuchten Klimazonen in Bezug auf den Komfort nicht vernachlässigt werden dürfe. Transsolar entwickelte das Dry Mist System, ein ausgereiftes Nebelsystem, welches mit sehr kleinen Tropfen, die durch speziell entwickelte Hochdruckdüsen und den fokussierten Luftstrom eines Ventilators, funktioniert. Der hohen Luftfeuchtigkeit mit noch mehr Feuchtigkeit entgegen zu wirken, mag zuerst paradox klingen, gelingt jedoch mit einer nachweislichen Reduzierung der Temperatur um 6°C.

Prof. Christiane Sauer, zweite Referentin des Panels, lehrt an der Berliner Kunsthochschule Weißensee und ist im Textil- und Flächendesign tätig. Raum definiert sich ihrer Ansicht nach über Wahrnehmung und Nutzung, wobei sie den Materialien mit ihrer Funktionalität und Struktur einen besonderen Wert zuweist. Zu Beginn zeigt sie das Gemälde “A portrait of Sarah Bernhardt” von Georges Antoine Rochgrosse (ca. 1900). Sarah Bernhardt, auf einem großen Sofa liegend, verschwimmt farblich mit ihrer Umgebung. Der Raum und die Person, die ihn bewohnt, werden vom Künstler und dem Betrachter des Bildes auf eine neue Art und Weise wahrgenommen, physische Konturen erscheinen verschwommen und liquid. Es entsteht eine gewisse Unschärfe. Diese Unschärfe lässt sich ab dem 20. Jahrhundert auch auf die Architektur übertragen. Ein Raum, der in seiner Erscheinung zunächst nicht sofort greifbar ist, ein Möbelstück, dessen Funktionalität uns erst auf den zweiten Blick sichtbar wird. Das gleiche gilt für das Verständnis von Material und Oberfläche. Designbasierte, experimentelle Materialforschung kann mit der Gestaltung des räumlichen Kontextes in Verbindung treten.

Wie kann man als Benutzer mit Oberflächen in Kontakt treten? Studenten der Weißensee Kunsthochschule in Berlin setzen sich regelmäßig mit dieser Frage auseinander und entwickeln innovative Projekte, in denen kreative und nachhaltige Materialien und Textilien designt werden. So entstand unter anderem ein Raummodul aus Basaltfaser namens Stone Web, das flexibel zusammenfügbar und erweiterbar ist. Über die Geometrie wurde eine neue Funktionalität entwickelt, die das Möbelstück vielfältig nutzbar macht. Ein weiteres Projekt, der sogenannte “Solar Curtain”, wurde mit Unterstützung des Fraunhofer Instituts umgesetzt. Dieses smarte Fassadenelement stellt ein vollständig autarkes System dar, das in der Lage ist, auf Sonneneinstrahlung und die dadurch entstehende Wärme zu reagieren.

Architekt Matthijs la Roi schließt mit seinem Vortrag dieses Panel. Er ist der Überzeugung, dass die Architektur ihre Fähigkeiten in Bezug auf die Nutzung von Klang, Licht und Bewegung noch nicht ausgeschöpft hat und diese Qualitäten in dem Sinne erweitert werden sollen, die Menschen zu informieren, ihre Stimmung zu verändern oder ihre Produktivität zu verbessern. Sein Londoner Büro legt seinen Schwerpunkt auf intelligente Strukturen und computergeneriertes Design, um dadurch neuartige Möglichkeiten der Raumgestaltung zu schaffen. In dem Projekt “Balsamico” transferiert er Balsamico Essig in den physischen Raum. Die Installation für die italienische Stadt Modena ist eine ästhetische Narration über den Herstellungsprozess des Essigs. Die Verbindung zwischen digitaler Intelligenz und handwerklicher Ästhetik zeigte er am Beispiel des Projekts Candelabrum 2.0. Der Holzpavillon, bestehend aus 900 maschinell gefertigten Holzstäben und 199 Kerzen, wurde in einer spektakulären Performance mit Tänzern eröffnet.

Panel 4: Genusswelten - Die sinnlichen Spielplätze der Zukunft

FREITAG, 16. NOVEMBER 2018

PANEL 4 – Genusswelten: Die sinnlichen Spielplätze der Zukunft

kuratiert und moderiert von Dr. Petra Kiedaisch

In Panel 4, kuratiert von Dr. Petra Kiedaisch, dreht sich alles um Räume für sinnliches Wohlbehagen. Lange Zeit waren Hotels zum Schlafen da, Restaurants zum Essen und Bars zum Trinken. Doch mittlerweile vermischen sich diese Orte immer mehr zu ganzheitlichen Erlebniswelten, in denen alle Sinne angesprochen werden.

Zum Einen gibt es den Trend, sich selbst in seiner Umgebung zu präsentieren, die Orte müssen “instagrambar”, extravagant und laut sein. Doch auf der anderen Seite wird der Wunsch nach exklusiven Rückzugsorten, in denen man zurück zu sich selbst und Ruhe und Entspanntheit findet, immer größer.

So unterschiedlich die Bedürfnisse, so unterschiedlich sind auch die Arbeiten der drei Referenten. Laura Andreini hat mit ihrem Büro für das italienische Familienunternehmen Antinori dessen Weingut komplett umgekrempelt, ohne jedoch das Herz, den Weinberg, in den Hintergrund zu drängen. Bei allen Schritten wurde Wert darauf gelegt, dass sich Material und Farben an die Landschaft anpassen. Unter den Weinberg wurden der Weinkeller und alle notwendigen Räume gebaut. Elegant und sanft fügt sich diese großartige Architektur in die Landschaft.

Gunter Fleitz, Mitbegründer des renommierten Ippolito Fleitz Group Studios mit Sitz in Stuttgart, zeigt in seinen Inneneinrichtungen mit authentischen Materialien die Verbindung zum Produkt, welches angeboten wird. So beispielsweise im Maredo in Berlin. Hier wird in vielen Details die Geschichte zur Herkunft, die Zubereitung, die Herstellung gezeigt. Eine hohe Transparenz entsteht. Muster der argentinischen Pferdedecken finden sich wieder, es gibt ein offenes Feuer und auch Licht und Raumakustik spielen eine große Rolle. Das Storytelling sei bei der Raumgestaltung wichtig und auch, dass bei jedem Besuch etwas Neues entdeckt werden kann. Im Bella Italia Weine in Stuttgart ist die Besitzerin eine Sammlerin. So wurden ihre Fundstücke wie unzählige Spiegel an die Decke angebracht, wodurch der Gast den Raum jedesmal aus einem anderen Blickwinkel betrachten kann.

Andrea Kraft-Hammerschall von Dreimeta schafft mit ihrem Büro Wohlfühlorte, basierend auf ihrer Rezeptur „Seele – Kreativität – Liebe“, mit denen Räume mit Charakter entstehen und bei denen auf hohe Authentizität und Bezug zur Geschichte und Umgebung wert gelegt wird. Schön ist dies zu sehen an den vielen Einrichtungen für die 25hours Hotels, deren Leitspruch „Kennst Du eins, kennst Du keins“ ist. Jedes Hotel ist eine kleine, eigene zauberhafte Welt mit viel Liebe zum Detail und immer dem ganzheitlichen Anspruch.

Panel 5: Szenografie - Aus Künstlich bitte Künstlerisch

FREITAG, 16. NOVEMBER 2018

PANEL 5 – Szenografie: Aus Künstlich bitte Künstlerisch

kuratiert und moderiert von Jean-Louis Vidière Ésèpe

Im abschließenden Panel 5 des Raumwelten Kongresses 2018 lud Kurator Jean-Louis Vidière Ésèpe drei Speaker ein, das diesjährige Motto „Von Sinnen“ unter szenografischen Gesichtspunkten zu diskutieren. Dafür wählte er den Titel „Aus Künstlich bitte Künstlerisch“. Denn blicken wir uns heute um, beobachten wir überall eine zunehmende Sehnsucht nach Sinnlichkeit, Authentizität und Immersion. Vidière Ésèpe führt das zurück auf einen wachsenden Grad der Künstlichkeit in unserer Welt. Technisierung und Virtualisierung entfernen uns von unserem Naturzustand und rücken uns immer näher heran an die Szenarien der Science-Fiction. Deshalb lautet die Devise: Künstlerische Qualität ist die Rettung aus der Künstlichkeit! Die drei Referenten berichten aus ihrer beruflichen Praxis und ihrer Erfahrung mit sinnlicher Inszenierung.

Pablo Dornhege ist Szenograf und Designer aus Berlin. An der Universität der Künste Berlin lehrt und forscht er auf dem Gebiet VR, der virtuellen Realität. Dem Publikum auf den Raumwelten präsentierte er einen Blick auf die Landschaft der virtuellen Szenografie mit deren aktuellen Trends, Entwicklungen und hervorstechenden Projekte. Als Designtool bietet VR heute vielfältige gestalterische Einsatzmöglichkeiten. Zum Beispiel im Museum, Theater, Film oder in der Kunst. Durch die Erprobung von VR als künstlerisches Ausdrucksmittel, schaffen Kreative in den letzten Jahren völlig neuartige räumliche Erfahrungen. Mit Hilfe von VR entstehen in der Kunst mittlerweile Parallelwelten, die sich zuvor unserer Wahrnehmung oder unserer Vorstellungskraft entzogen hätten. So ist es möglich in einem Projekt von Marshmallow Laser Feast die Umgebung eines Waldes durch die Augen verschiedener Tiere wahrzunehmen, zum Beispiel die einer Kröte oder einer Libelle. Und in der virtuellen Welt „HanaHana“ der Künstlerin Mélodie Mousset, baut der Betrachter surreale Skulpturen bestehend einzig und allein aus Händen. Auch Galerien und Ausstellungen reagieren auf den aktuellen Trend. Es existieren bereits virtuelle Galerien für virtuelle Kunst. Während reale Exponate mit einer historischen Aura zwar eine höhere emotionale Ausdruckskraft besitzen, können virtuelle Exponate durch ihren multimedialen Charakter eine höhere Bandbreite an Emotionen auslösen, wie neue Studien zeigen. Eine Frage in Zukunft wird jedoch sein, wie man die Erfahrungen der einzelnen Betrachter in einer virtuellen Realität zu einem gemeinschaftlichen Erlebnis erweitern kann. Vor allem im Bereich des Films und der Unterhaltungsbranche gibt es Bestrebungen den Austausch und die Kommunikation zwischen den Betrachtern zu fördern. Das Kollektiv CyberRäuber um Björn Lengers und Marcel Kanapke ertestet die Möglichkeiten von VR im Bereich der Theaterinszenierung. Ein weiteres spannendes Experimentierfeld für den virtuellen Raum. Nach Pablo Dornheges Exkursion durch den Atlas der virtuellen Szenografie wird eindeutig: Auch der simulierte Raum besitzt das Potenzial uns nachhaltig und mit all unseren Sinnen zu beeindrucken.

„Stille ist nichts für Feiglinge“ – Ramon De Marco, Klangszenograf aus Basel, nimmt das Publikum mit auf eine zweite Reise. Eine Reise zum Thema Stille. Sound ist eine subjektive Erfahrung, nicht jedes Geräusch wird von uns als gleichermaßen angenehm oder unangenehm empfunden. De Marco beschreibt eine Erinnerung, in der er zum ersten Mal in seinem Leben absolute Stille glaubte wahrzunehmen. Ein Trugschluss wie sich herausstellt, denn wenn der Klang um uns herum weitestgehend abwesend ist, hören wir immer noch unser eigenes Blut durch den Körper rauschen. Stille ist eine elementare und sinnliche Erfahrung. Das weiß jeder, der sie bereits erlebt hat. Lärm hingegen versetzt den Körper in Alarmbereitschaft, er kann Auslöser für Krankheiten und Depressionen sein. Im Museum für Kommunikation in Bern realisierte De Marco eine Ausstellung mit dem Titel “Sounds of Silence”, die noch bis zum 7. Juli in der Schweiz zu sehen ist. Unter Ausnutzung neuester Technologie, bietet die Ausstellung ihren Besuchern einen Spaziergang durch eine interaktive Hörerlebniswelt. Das Binaurale Audiosystem simuliert das natürliche, räumliche Hören des Menschen und ermöglicht ein besonders immersives Eintauchen. Mit Kopfhörern ausgestattet wandelt der Besucher seinem Hörsinn folgend durch eine 360° Klanglandschaft, in der er allerlei unerwartete und erstaunliche Entdeckungen machen kann. Auf Exponate und zusätzlichen Text wird dabei weitestgehend verzichtet. Nach seinem Rundgang durch die verschiedenen Klangwelten, wird der Besucher die schrecklichen und schönen Seiten von Lärm und Stille kennengelernt haben und die Geräusche, die seinen Alltag bevölkern wieder viel bewusster wahrnehmen. “Silence is sounds.”, sagte Komponist John Cage einmal. Das hat das Publikum in Ramon De Marcos Vortrag gelernt.

Den dritten Beitrag zu Panel 5 lieferte Jean Odermatt mit einem Vortrag zum Thema Health Care Design. Nichts entspannt den Menschen so zuverlässig wie die Natur, lautet seine These. Der Schweizer Soziologe, Künstler und seines Zeichens Wolkensammler, beschäftigt sich mit der optimalen Gestaltung von Gesundheitsbauten. Wie müssen Räume aussehen, damit sie zur Genesung und dem Wohlbefinden des Patienten beitragen? Die Krankenhäuser der Gegenwart zeichnen sich oft durch ihre Unbehaglichkeit aus. Stellen wir uns diese Orte vor, denken wir an unangenehme Gerüche, nervtötende Geräusche oder kaltes Licht. Beim Gebrauch des Wortes Krankenhaus schwingen nicht zuletzt wegen der sprachlichen Bedeutung viele negative Emotionen mit. Sind dies die Orte an denen wir gesund werden sollen? Obwohl sie unsere Sinne, den Zugang zu unserem Inneren, so gewaltig malträtieren? Mit den Worten Odermatts sind diese Einrichtungen “Spitale ohne Eigenschaften” oder regelrechte Unorte, an denen durch künstlerisch-kreative Prozesse und den Einsatz positiver Reizpunkte Identität geschaffen werden muss. Anhand konkreter Beispiele von Gesundheitsbauten aus der Schweiz, zeigt er auf, mit welchen spezifischen Baumaßnahmen eine verbesserte Patientengenesung erreicht werden konnte. Der Fokus sollte laut Odermatt darauf liegen, dem natürlichen Bedürfnis des Menschen nach der Natur gerecht zu werden. Sozusagen “form follows nature”. Weisen Patientenzimmer beispielsweise einen starken Kontakt zur natürlichen Umgebung auf, führte das unter anderem zu einer Reduktion des Schmerzmittelverbrauchs und einer Beschleunigung des Heilungsprozesses. In der logischen Schlussfolgerung sind die Einbindung von Natur in die Gestaltung von Patientenräumen und die weitere Auswertung von wissenschaftlichen Erkenntnissen, sogenanntes evidenzbasiertes Design, ein integraler Bestandteil für zukünftige gestalterische Überlegungen auf dem Gebiet des Health Care Designs.

Der digitale Raum: Raumwelten goes Virtual Reality

SAMSTAG, 17. NOVEMBER 2018 / Der digitale Raum: Raumwelten goes VR

Ein Sommernachtstraum im Cyber Valley

Mit „Raumwelten goes VR“ widmete der Kongress in diesem Jahr zum ersten Mal dem virtuellen Raum einen ganzen Thementag. Künstler, Filmemacher, Start-ups, Studierende und Wissenschaftler stellten der Öffentlichkeit in einer spannenden Vortragsreihe ihre Entwicklungen, Arbeiten und Projekte auf dem Gebiet der virtuellen Realität für Film und Theater vor.

Der Samstagabend bot dem Publikum einen Einblick in die Entstehung des Theaterstücks „Ein Sommernachtstraum im Cyber Valley“. Das unkonventionelle Stück erlebte im Februar 2018 seine Uraufführung am Schauspiel Stuttgart und stellt eine musiktheatrale Adaption von Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“ dar. Inspiration für die ungewöhnliche Neuverortung der klassischen Komödie fand Regisseur und Musiker Schorsch Kamerun in der Politik: Mit dem Slogan „Heimat, Hightech, Highspeed“ warb die baden-württembergische Landesregierung im Jahr 2014 für ihre Digitalisierungsstrategie und Ministerpräsident Winfried Kretschmann betitelte Tübingen als das Cyber Valley von Deutschland. In Bezugnahme auf diese Kampagne entstand ein immersives Theaterstück mit dem vielversprechenden Untertitel „Shakespeares Zauberwald als psychedelisches Maschinenklangländle“, das die Zuschauer mit auf die Reise durch einen theatralen Erlebnisgarten nahm.

Szenografin Katja Eichbaum berichtete im Gespräch mit Thomas Koch (Oper Stuttgart) zunächst von den Herausforderungen an die Inszenierung eines Stücks, in dem Bühnenraum und Zuschauerraum zu einem Ort der Begegnung verschmelzen. Auch unter Einbezug von VR-Technologie, wurde ein sinnlich-künstlerisches Erlebnis geschaffen, das die Besucher aus ihrem Alltag entführte und ihre kindliche Entdeckungslust reaktivierte. Laut Eichbaum sei das Theater ein idealer Ort, um der Beschleunigung der Gesellschaft entgegenzuwirken. „Schlaf…Entziehe mich mir selbst auf kurze Zeit.“, zitiert sie den Protagonisten Puck aus dem Sommernachtstraum und verweist damit auf unseren modernen Alltag der Simulationen und Regelsysteme, aus dem wir zu entfliehen versuchen. Der Zauberwald aus dem Stück ist gleichermaßen ein Ort der Irrungen und Simulationen, und doch ist es den Besuchern möglich, in dieser magischen Parallelwelt zu entschleunigen und zu sich selbst zurückzufinden. Zum Abschluss des Thementags lud Raumwelten-Veranstalter Ulrich Wegenast den künstlerischen Leiter Schorsch Kamerun und den stellvertretenden Regierungssprecher des Landes Baden-Württemberg Arne Braun zu einem gemeinsamen Gespräch. In einer unterhaltsamen und durchaus kontroversen Diskussionsrunde wurde sowohl über die Landespolitik und die technische Beschleunigung gesprochen, als auch über das Scheitern, den Mainstream und linke Musikbands. Das innovative Stück „Ein Sommernachtstraum im Cyber Valley“ zeigt eindrucksvoll welche Potenziale entstehen können, wenn Kunst und Politik, Theater und digitale Medien zusammentreffen. Kamerun, der sich selbst als Wachstumsskeptiker und Technologiekritiker bezeichnet, konfrontiert die Zuschauer in seinen Arbeiten jedoch stets auch mit sensiblen Fragen und scheint damit einen Nerv der Zeit zu treffen, wenn er in einer Songzeile beispielsweise singt: „Wer hält mir die Hand hier im Geräteland?“ Für Kamerun sind Stuttgart und die Region ein Ort voller Widersprüche und das reflektiert er auch in seiner Inszenierung: „Hier hext sich Shakespeare in das liebliche Neckartal, das Neckartal trifft den Elektrohirschen, der anarchische Puck auf Winfried Kretschmann.“ In Anbetracht der nahenden Regierungserklärung durch den Ministerpräsidenten bleibt abzuwarten, ob es bald neuen politischen Input geben wird, der Grundlage für eine künstlerische Auseinandersetzung liefert. Oder um mit den letzten Worten des Theaterstücks zu schließen: Am Ende ist alles nur ein Zwischenstand.

Echtzeitredakteure 2018

Johanna Lentzkow

Studentin Architektur, Hochschule Darmstadt

Da es mir wichtig war, meine Kreativität, die ich früher schon in den Bereichen Kunst und Musik unter Beweis stellen konnte, auch mit meinem späteren Beruf zu verbinden, entschied ich mich direkt nach dem Abitur für ein Architekturstudium an der Hochschule Darmstadt. Meine Studienschwerpunkte liegen dabei auf dem kreativen Entwerfen und der baukonstruktiven Auseinandersetzung mit diesen entworfenen Projekten.

Lea Bauer

Studentin Informationsdesign, Hochschule der Medien Stuttgart

Neben meinem Studium des Informationsdesigns an der Hochschule der Medien in Stuttgart arbeite ich als Assistenz in der Architekturfotografie. Ich bin neugierig und gespannt auf die vielfältigen Vorträge der diesjährigen Raumwelten.

Janieke Bekasinski

Studentin Raumstrategien, Muthesius Kunsthochschule Kiel

Nach meinem Studium der Audiovisuellen Medien an der HdM Stuttgart entschloss ich mich dazu, meine Leidenschaften für Medien und Architektur zu vereinen und ein Zweitstudium der Architektur an der Universität der Künste in Berlin aufzunehmen. Nach einem Jahr nahm ich einen Wechsel an die Muthesius Kunsthochschule nach Kiel vor, wo ich heute im Master Raumstrategien studiere. Auch Umwege stellen sich im Nachhinein oft als sinnvoll heraus, denn auf dem Raumwelten-Kongress verschmelzen die Disziplinen Szenografie, Architektur und Medien wie selbstverständlich.