Damit Sie sich auch nach Raumwelten über die Inhalte der Veranstaltung informieren können – sei es, weil Sie nicht vor Ort sein konnten oder weil Sie einfach noch einmal das Erlebte nachlesen möchten – haben wir unsere Raumwelten Reporter an Bord.

Die Reporterinnen in diesem Jahr:

Johanna Lentzkow, Patricia Schrock, Emely Arnold & Melina Löwer

ADC trifft Raumwelten: Ein Gebäude wie ein Baum: Cradle to Cradle als Innovationsmotor für Gebäude und Stadtplanung

MITTWOCH, 13. NOVEMBER 2019
LECTURE – ADC Design Experience trifft Raumwelten

Prof. Dr. Michael Braungart, Gründer & CEO, BRAUNGART EPEA – Internationale Umweltforschung, Hamburg

Zum Auftakt des Raumwelten Kongresses 2019 wurde das diesjährige Motto “Vermessen!” in Bezug auf die Nachhaltigkeit genauer unter die Lupe genommen. Im Neuen Schloss in Stuttgart sprach Michael Braungart, Erfinder des Cradle to Cradle Design-Konzepts, bei der gemeinsamen Lecture mit der Art Directors Club Design Experience darüber, dass trotz aller gesellschaftlichen Diskussion um ökologische Restriktionen “Intelligente Verschwendung” möglich ist.

Dass wir Menschen angesichts der Verpestung der Luft, der Rodung der Wälder, zunächst als Umweltbelastung wahrgenommen werden, erscheint naheliegend. Müssen wir infolgedessen unseren Fußabdruck reduzieren? Ist unser Handeln schlecht? Müssen wir es beschränken, reduzieren, auf bestimmte Dinge verzichten? Michael Braungart bringt es auf den Punkt: “Wir müssen nicht weniger schlecht sein, wir müssen gut sein! Wir Menschen müssen unseren Fußabdruck feiern, nicht 10% weniger scheiße sein!” Der Mensch als kreatives Wesen muss sich seiner Intelligenz und Kreativität bedienen und somit als Nützling der Natur seinen Teil dazu beitragen, einen positiven Fußabdruck der Menschheit zu hinterlassen. Er hat ein Recht zu existieren und zu handeln.

Cradle to Cradle – von der Wiege zur Wiege: Braungart gibt den Anstoß, alles neu zu denken. Das Ziel ist die umfassende Qualität und Nützlichkeit, denn nur dann kann man von Öko-Effektivität sprechen. Ein Prinzip dabei lautet z.B. “Rohstoff bleibt Rohstoff”. Müll existiert nicht. Alle Materialien, die wir verwenden, sollen in Kreisläufen zirkulieren können und sollen ohne Qualitätsverlust, wie es momentan beim Recycling der Fall ist, als “Nährstoff” für ein neues Produkt verfügbar sein. Man muss in diesem Zusammenhang zwischen biologischen Kreisläufen, der Biosphäre, und technologischen Kreisläufen, der Technosphäre, unterscheiden. Cradle to Cradle ist also besser als Recycling, weil alle Materialien in der Biosphäre oder der Technosphäre komplett verwertet werden können. Des Weiteren ist es wichtig, für die Herstellung intelligenter und kreislauffähiger Produkte erneuerbare Energien einzusetzen und allgemein die kulturelle und biologische Diversität zu feiern und zu fördern.

Im weiteren Verlauf führt Braungart sein Konzept der Triple Top Line an, welches in Bezug auf die Absichten eines Unternehmens zum Ziel hat, Gewinne zu erzielen und den Fokus dabei darauf legt, Nachhaltigkeit und Rentabilität von Anfang an aufeinander abzustimmen. Die Ziele sind also wirtschaftlich und gesellschaftlich positive Auswirkungen und in Bezug auf die Umwelt möglichst keine Auswirkungen zu erzielen, im besten Fall eine Steigerung der Effektivität.

Es geht um die Qualität des Materials. Die Industrie muss darauf umsteigen, die Nutzung der Maschine anstelle von Maschinen selbst zu verkaufen. Es muss umgedacht werden: Wir brauchen keine Waschmaschine, wir brauchen saubere Kleidung. Hersteller suchen immer nach den billigsten Produkten für ihre Anwendung. Eine Waschmaschine enthält bspw. 150 verschiedene Plastiksorten, würde aber praktisch mit fünf Sorten auskommen. Die Folge wäre eine Preissteigerung des Geräts.

“Es gibt keine schlechte Architektur, nur die Abwesenheit von Qualität.” Auch in Bezug auf die Architektur zeigt Braungart, dass man noch viele Probleme zu lösen hat. Nicht nur sind 40% der Häuser in Baden-Württemberg von Schimmel befallen und infolgedessen die Luft im Gebäude schlechter als an der frischen Luft, auch das Passivhauskonzept sieht Braungart kritisch: “Wir machen das Falsche perfekt.” Es handelt sich nicht um die Lösung des Problems, sondern um die Optimierung des Fehlerhaften. Gebäude wie Bäume, Städte wie Wälder: Das Ziel sind gesunde Häuser und Städte. Viele positive Eigenschaften von Bäumen lassen sich in die Gestaltung von Gebäuden umsetzen und erhöhen die Lebensqualität für Mensch und Umwelt. Das Gebäude kann als gesunde Materialbank fungieren, bei dem das Material seinen Status als Ressource, die immer wieder genutzt werden kann, behält. Das Material wird als Teil biologischer und technischer Kreisläufe definiert.

Wir müssen umfassende Schönheit schaffen, nicht beschönigen. Es müssen neue Businessmodelle gedacht werden, Cradle to Cradle macht die Designer mächtig. Man muss die richtigen Mittel einsetzen, sonst ist der Schritt in die richtige Richtung nur ein Alibi. Wir müssen den Menschen als Chance begreifen.

IBA trifft Raumwelten: Building in historic cities: A new neighbourhood in the UNESCO World Heritage Site of Bordeaux

DONNERSTAG 14. NOVEMBER 2019

Lecture – Baubotanik: Stadt-Wald-Wachstum

(Ferdinand Ludwig & Daniel Schönle, Büroleitung, ludwig.schönle, Stuttgart)

Lecture – Building in historic cities: A new neighbourhood in the UNESCO World Heritage Site of Bordeaux

(Edouard François, Président, Maison Edouard François, Paris)

 

Stadt – Wald – Fluss

Einen Baum zu pflanzen ist ein Zukunftsprojekt. Bäume überdauern unsere Lebenszeit und werden je nach Art mehrere hundert Jahre alt. Dieses Potential wird in der Baubotanik angewendet. Ein Gebäude als entstehenden lebendigen Prozess zu begreifen gilt für Ferdinand Ludwig und Daniel Schönle als Planungsprinzip. Im Detail werden Konstruktionen aus Baumstämmen und Stahlrohren kombiniert. Zu Beginn wird ein tragendes Gerüst verwendet, welches nach und nach mit dem Wachstum der Bäume abgebaut werden kann. Somit entsteht langfristig gesehen ein grünes Gebäude. Es geht also nicht um ein fertiges Objekt, sondern es geht vielmehr darum, einen Prozess zu entwerfen. Dabei beeinflusst das entstehende Objekt seine Umgebung und andersherum. Es entwickelt sich eine Performance zwischen Stadt, Mensch und Baubotanik. Ein weiterer Entwurf für das FUTURIUM (3. Platz im Wettbewerb) von Ferdinand Ludwig und Daniel Schönle wird zur Zeit im FUTURIUM – Haus der Zukunft in Berlin ausgestellt.

Edouard François beschäftigt sich ebenfalls mit dem Thema des grünen Bauens. Ohne Pflanzen seien seine Gebäudefassaden hässlich, schildert Edouard François mit Selbstironie. Bei der Fertigstellung der Gebäude sind die Pflanzen meist noch sehr klein, weshalb die Gebäude erst mit dem Wachstum der Pflanzen ihre Schönheit entfalten. Zu seinen forschenden Ansätzen gehören die Projekte TOWER FLOWER, TOUR DE LA BIODIVERSITÉ, TOUR VÉGÉTALE und EDEN BIO. Ein besonderes Konzept verfolgt Edouard François bei seinem Projekt PANACHE. Das Vorbild dieses Gebäudes ist die Ananas: Unten dicht und oben Grün und luftig. Die Struktur im Gebäude ist so angelegt, dass Bewohner, die ganz unten wohnen, einen Balkon ganz oben im Gebäude bekommen. Somit hat jeder Bewohner des Hauses die perfekte Lage und einen wunderbaren Ausblick. In seinem städtebaulichen Konzept für BORDEAUX SAINT-JEAN setzt er seine Erfahrungen über grüne Gebäude ein und entwickelt eine Verbindung vom Bahnhof über das Stadtzentrum zum Flussufer des Garonne. Die Herausforderung ist es, in einer steinernen Stadt eine übersichtliche Infrastruktur zu entwickeln, welche auf der UNESCO Welterbeliste steht. Die Arbeit beschäftigt sich mit dem Spannungsfeld von behutsamen denkmalpflegerischen Eingriffen bis hin zu mutigen neuen Konzepten. Im Projekt werden verschiedene Haus- und Wohnungstypologien, angemessene Büro- und Geschäftsräume, Hotels und Handelsstrukturen angeordnet. Edouard François versucht dabei das Potential der grünen Uferkante in den steinernen Stadtkern hineinzuziehen.

Edouard Francois

Special Lecture: Animation, Robotics and Augmented Reality in Architecture

FREITAG, 15. NOVEMBER 2019

Special Lecture – Animation, Robotics and Augmented Reality in Architecture

Greg Lynn – FORM & Piaggio Fast Forward, Los Angeles

In der Raumwelten Special Lecture am Freitagabend spricht Greg Lynn darüber, wie  seine Faszination Kurven zu zeichnen ihn letztendlich zu dem brachte, was ihn in seiner Arbeit mit innovativen Technologien als Architekt und Robotik Entwickler auszeichnet.

Schon zu Beginn der 90er Jahre ergab sich aus den neuen digitalen Technologien, die es einfacher machten, komplexe Strukturen zu durchdenken, die Annahme, Qualität bemesse sich über den Grad der Komplexität. Eine Vielzahl an Entwerfern verschrieben sich diesem Credo. Nicht zuletzt in seiner Zusammenarbeit mit Vitra schärfte sich jedoch Lynns Sinn dafür, dass sich Innovation nicht über die Quantität an Bauelementen definiert, sondern Aspekte wie Ergonomie das Maß der Qualität bestimmen sollten. Das Wissen auf diesem Gebiet konnte er in einem folgenden Projekt ausbauen, welches eine Optimierung des Mikroklimas von Sportlern herbeizuführen versuchte. Ein Warmhalte-Stuhl sorgte dabei dafür, die zweiminütige Wiederaufwärmphase nach dem Sitzen zu umgehen. Ausgestattet mit flächendeckenden Wärmesensoren und -regulatoren gelang es Greg Lynn die NBA-Spieler auf seinem Stuhl geradezu zu kochen.

Die Strategie, das Digitale mit dem Physischen zu verbinden, führt zu innovativen Projekten, so beispielsweise auch in der Zusammenarbeit mit dem Start-Up Curbside. Dieses setzte sich zum Ziel, Menschen die Möglichkeit des lokalen Einkaufens derart zu vereinfachen, dass es wieder attraktiver wird, als maßlos im Internet zu bestellen. Für diesen Zweck entstand ein Pick-Up-Stop mit einer Landmarke, welche mit Bluetooth ausgestattet wurde und per App erreichbar war. In einem weiteren Projekt entwickelte er eine App, die ein zum Haus umdesigntes Ei rollen lässt um verschiedene Räume zugänglich zu machen. Auf einem geringen Fußabdruck sitzend lässt sich das Ei-Haus, welches entlang der Innenschale verschiedene Räume wie Bad, Schlafabteil und Küche ausbildet, kippen, um diese nutzbar zu machen.

Auch durch die Technologie der VR-Brille bietet sich dem Entwerfer die Chance, Menschen als Probanden durch Räume schreiten zu lassen und daher eine Datenmenge an Eindrücken aus der Klientensicht zu erlangen. Eine neue Welt der Sensibilität eröffnet sich, welcher technisch gesprochen Roboter betriebene Messstrategien zugrunde liegen. Lynn versteht seine Aufgabe als Robotik Entwickler darin, die technischen Helfer nicht dazu zu nutzen, die Menschen zu ersetzen, sie vielmehr in ihrem Nachgehen menschlicher und zwischenmenschlicher Aktivitäten zu bestärken. Innovation wird als sozialer Aspekt begriffen.

„Gita“ ist ein erstes Werkzeug auf dem Weg Menschen mit ihrer Umgebung und ihren Mitmenschen wieder zu verbinden. Der kleine Roboter ist dafür konzipiert einer Person zu folgen und ihr alle Objekte hinterher zu tragen, sodass Hände und Kopf frei sind. Dabei reagiert Gita auf den Wunsch der Menschen, wieder öfter Strecken zu laufen, einem 20-Minuten-Lifestyle nachzugehen. Kamerabilder und abgelaufene Karten werden nicht aufgezeichnet und Gita folgt den Menschen per Spline-to-Spline-Wegeleitung. Mit seinem neusten Projekt schließt sich daher also der Kreis von Greg Lynns Arbeit wieder und führt ihn zurück zu den Anfängen seines Schaffens, den Kurven.

Keynote – Sound Futures

DONNERSTAG 14. NOVEMBER 2019

David Claringbold, Chief Marketing Officer, d&b audiotechnik, Stuttgart

Eine Reise in die Zukunft der Klänge

Akustisch erzeugte Schallschwingungen oder auch elektronisch generierte Klänge sind immer im Zusammenhang des kulturellen Erbes zu verstehen. Letztendlich geht es in der Welt der Töne um die Beziehung zwischen Künstler und Zuhörer. Die Technik ist lediglich ein Vermittler.

David Claringbold: Sound Futures

David Claringbold arbeitet damit, Strukturen zu entwickeln, welche uns als Gesellschaft verbinden. Er geht davon aus, dass ein Geräusch Zeit benötigt und die Kreativität der Klänge wiederum Raum braucht. Um die Töne bestmöglich in Szene zu setzen gibt es Resonatoren, welche den Klang zu einem besonderen Erlebnis werden lassen. Die Architektur und ihre Akustik erzielen eine spezifische Wirkung. Beispiele sind Kirchen, Konzerthallen, Opern, Theatersäle, aber auch die mit Stickern beklebte Kneipenbühne. Sie alle transportieren eine besondere Atmosphäre. Ganz andere Erwartungen implizieren das Musikfestival in der Wüste, der Konferenzsaal, das Fußballstadion oder das Einkaufszentrum. Was alle gemeinsam haben ist das Ziel, die Besucher zu entertainen und zum andauernden Aufenthalt zu animieren. Dieses Potential wird allerdings selten ganz ausgeschöpft. Die Relevanz alle Sinne anzusprechen ist hoch. Jedoch wird in Projekten überdurchschnittlich viel Geld für das Sehen ausgegeben, weit mehr als überhaupt wahrgenommen werden kann. Daher liegt die Zukunft eines tiefgreifenderen Raumerlebnisses auch in der Gestaltung von Klängen. Der Klang ist nicht beschränkt auf einen Raum. Die Kunst ist es, dem Klang eine Gestalt zu geben und somit eine Tiefe in vielen Dimensionen zu erzeugen. Ein Raum kann mit diesem Ansatz viele Klangräume beinhalten, wenn ein Mix zwischen Architektur, Dramaturgie und Technologie integriert wird.

Panel 1: Working on the Moon

DONNERSTAG, 14. NOVEMBER 2019
kuratiert und moderiert von Veit Haug, Co-Moderation Andreas Hofer (IBA’27)

Ernst Messerschmid, Professor Dr. Dr.-Ing. e.h. (Universität Stuttgart)
Dave Lavery, NASA Program Executive for Solar System Exploration, NASA Headquarters, Washington D.C.
Marlies Arnhof, Researcher in Space Architecture ans Infrastructure – ESA-ESTEC, Noordwijk
Knut Göppert, Partner und Managing Director – schlaich bergermann partner, Stuttgart

Der Mond, stellvertretend für das unbegreiflich weite All, das außerhalb unserer Atmosphäre auf uns wartet, ist Kern des ersten Panels des diesjährigen Raumwelten Kongresses. Es wird darüber diskutiert, was uns der unendliche Raum und unsere Arbeit in diesen Sphären geben kann, was es uns Menschen abverlangt und welche Rückschlüsse wir durch die Auseinandersetzung damit auf unsere irdischen Tätigkeiten ziehen können.

Betrachtet man die Erde vom All aus wird einem klar wie schön unser Blauer Planet ist, jedoch genauso wie verletzlich er ist. Von dort oben aus ist es uns möglich geworden, Erderwärmungsdaten zu messen und Erdverschiebungen bis in den Millimeterbereich zu erfassen, wodurch wir die Erde aus einem neuen Blickwinkel verstehen können. Mit dem heutigen Stand der Technik ist schon einiges möglich: seit der ersten Mondlandung haben wir neben zahlreicher Errungenschaften nun den Sprung in weitere Entfernungen, bis auf den Mars geschafft. Wenngleich noch niemand bereit ist, das zu hohe Risiko einzugehen, Menschen auf die Mission Mars zu schicken, befinden sich bereits viele Helferlein, die Mars-Rover dort oben.

Dave Lavery erklärt eindrucksvoll seine Arbeit mit dem Curiosity Rover, der sich seit 2012 auf dem Mars befindet. Durch dessen Augen ist es möglich den Planeten bodennah zu erforschen und nachvollziehbar welche Wege er beschritten hat. Um zu diesem Punkt zu gelangen ist jahrelange Arbeit vieler Wissenschaftler und Ingenieure nötig, den Rover überhaupt auf dem Mars platzieren zu können. So wird das gut behütete Objekt auf der Erde in mehrere Schutzhüllen gepackt um sie in verschiedenen Sphären, sich dem Mars nähernd langsam wieder zu entpacken, bis die letzte Hülle den Rover bei etwa 10 Metern über dem Boden abseilt. Das Unterfangen ist heikel, viele Probleme können die jahrelang geplante und zudem sehr kostspielige Mission stören. In einem Punkt sind sich Dave Lavery und der deutsche Astronaut Ernst Messerschmid daher einig: Raumfahrt muss gemeinsam betrieben werden! Nicht nur, dass die aufwendigen Missionen eine Menge finanzieller Mittel bedürfen, Kompetenzen erfordern und technisches Know-How voraussetzen, auch helfen diese Projekte uns als Menschheit zu begreifen, die über politische Grenzen hinweg einem gemeinsamen Ziel nacheifert. Vergleichbar wichtig ist die Interdisziplinarität der Mitwirkenden, die unter anderem eine Vielzahl von Architekten beinhaltet.

Marlies Arnhof berichtet aus ihrer Forschung als Architektin interplanetarer Projekte. Die veränderten physischen Anforderungen erfordern neue Entwurfsansätze. Ob es dabei um die verschiedenen Rotationszeiten der Planeten, Zeitspannen für Tag und Nacht, Temperaturen und Gravitation oder schlicht um den Arbeitsraum eines Astronauten in einem Spaceshuttle geht, es muss umgedacht werden. Erschwert wird das Ganze, indem mit begrenzten Platzkapazitäten und minimalem Gewicht umgegangen werden muss, denn jedes Gramm kostet. Diese ressourcenschonende Denkweise sollte auch längst im Bauwesen für irdische Projekte verankert sein, ginge es nach Marlies Arnhof.

Mit seinem Beitrag „Besser (über-)leben auf der Erde“ schließt Knut Göppert den Kreis der Vortragsreihe. Er greift das Gedankengut von Buckminster Fuller auf, Schutzräume über Städten zu errichten. Anhand des Heathrow Flughafenerweiterungsprojekts lässt sich zeigen, inwiefern mit dem „Third Space Concept“ auch Flughafenabläufe vereinfacht werden können und mit Hilfe klimatechnischer Kontrolle Bereiche zum Verweilen, Übergang und Austausch definiert werden. Auch durch Strategien der Klimabeeinflussung durch Verschattung, wie am Beispiel des innerstädtischen Raums in Doha, kann eine Menge neuer Lebensqualität erschaffen werden. Können also all diese experimentellen Ansätze über Materialität und Technologien die Wegbereiter der Raumgestaltung von morgen, heute schon auf der Erde und zukünftig im Weltall werden?

Panel 2: Der Mensch als Maß

DONNERSTAG, 14. NOVEMBER 2019

kuratiert und moderiert von Roman Passarge

 

Prof. Florian Käppler, Creative Director – Klangerfinder, Stuttgart

Dr. Caroline Fuchs, Kuratorin – Die Neue Sammlung, The Design Museum, München

Katharina Louise Rausch, Executive Support Manager – Hauck & Aufhäuser, Frankfurt a. M.

Tibor Hoffmann, Associate Director – Colliers International, Frankfurt a. M.

Ralf Nähring, Gründer und Geschäftsführer – dreiform, Hürth/Köln

 

Der Mensch als Maß – unter diesem Leitgedanken stand das Panel 2 auf den diesjährigen Raumwelten, kuratiert von Roman Passarge. Inwiefern ist die Gestaltung von Räumen hinsichtlich eines gestalterischen und ökonomischen Erfolgs anhand der Messgröße “Mensch” zu verändern? Die menschlichen Bedürfnisse sollen im Zentrum stehen, keine technischen Größen wie Kosten oder Flächeneffizienz.

Prof. Florian Käppler aus dem Stuttgarter Atelier Klangerfinder führte uns zunächst in die Welt des Klangs ein. Seine Herangehensweise, den Mensch als Maß anzunehmen, führte Ihn z.B. über Zeichnungen des vitruvianischen Menschen von daVinci und nachfolgenden Überlieferungen, allerdings mit der Erkenntnis, dass all diese Abbildungen Menschen ohne Ohren zeigen. Dabei ist evolutionstechnisch schon 7 Tage nach der Befruchtung der Eizelle ein Ansatz von Ohren zu entdecken, lange vor Herz und Gehirn, welches ab der 20. Schwangerschaftswoche ausgebildet ist.

Welche Potentiale hat eine Haltung, genauer hinzuhören? Käppler erstaunt uns mit vielen Fakten: Während des Hörens klassischer Musik soll bei Menschen eine kognitive Leistungssteigerung von 8-9 IQ Punkten messbar sein. Bei 50-70 dB Umgebungslautstärke sind wir am kreativsten, was Vogelgesang, Regen, Freibadgeräuschen in einiger Entfernung oder dem Rauschen des Wasserkochers entspricht. Diese Aussage belegen einige Künstler wie Kafka, Schnitzler und Berg, die ihre größten Geistesblitze in Kaffeehäusern hatten. Konzentriertes Arbeiten ist bei unter 30 dB für uns am besten möglich, jede Steigerung wirkt belästigend und kann bei ca. 65 dB sogar zu einem Sinken der Magen-Darm-Tätigkeit führen.

Allgemein ist in vielen Bereichen zu erkennen, dass dem Sound nicht genügend Beachtung geschenkt wird: Der Digital Pakt für Schulen wird mit 5 Mrd. Euro unterstützt, allerdings werden in diesem Pakt die Worte Audio, Sound, Ton und Musik kein einziges Mal genannt. In Flugzeugen, die mindestens 79.5 Mio Euro kosten, werden Lautsprecher im Wert von 2-10$ integriert und auf Intensivstationen in Krankenhäusern wird man einem Lärm von 92 dB ausgesetzt, was der Lautstärke eines Staubsaugers entspricht. Ob dabei Genesung möglich ist?

Käppler sieht ganz klar in vielen Bereichen Verbesserungsbedarf und fügt zum Schluss an, dass ein akustisch optimierter Raum, bspw. durch akustikabsorbierende Elemente, zu einer Produktivitätssteigerung von 300% führen können.

The Sound of Design – wie klingt Design? Die Neue Sammlung, das Designmuseum in der Pinakothek der Moderne in München, zählt zu den ältesten Designmuseen der Welt. Bei der großen Breite an Industriedesignelementen, die man beim Betrachten automatisch mit den jeweiligen Klängen verbindet, kam die Idee auf, den Klang dieser stummen Designobjekte mittels digitaler Technologien für die Öffentlichkeit über eine App zugänglich und somit sinnlich erfahrbar zu machen. Ziel war es, die akustische Dimension der Objekte zu bewahren und hörbar zu machen. In Zusammenarbeit mit dem Atelier Klangerfinder war es möglich, professionelle Aufnahmen, unabhängig von einem ästhetischen Urteil über das Geräusch des Objekts, anzufertigen und auch Soundcollagen von ganzen Jahrzehnten, die aus typischen, für diese Zeit charakteristischen Geräuschen bestehen,  zu komponieren. Beim Vorspielen einiger Kostproben, wie z.B. dem Wechseln der Kassette bei einem Walkman oder dem Ticken der Eieruhr, blieben einige nickende und lächelnde Gesichter im Publikum nicht aus. In unserer häufig visuell dominierten Welt, in der dem Hören eine vergleichsweise zu geringen Bedeutung zukommt, kann das Projekt als erster Schritt hin zu einem umfassenderen und sensibleren Verständnis von Designobjekten und allgemein unserer akustischen Umwelt verstanden werden.

Katharina Louise Rausch und Tibor Hoffmann zeigten in ihrem Vortrag am Beispiel einer Frankfurter Privatbank auf, welche Herausforderungen zwischen realer Arbeitswelt und digitalen Prozessen sich Auftraggeber und Auftragnehmer bei der Entscheidung für eine Raumstruktur und deren konkreter Gestaltung gegenüberstehen. Die Zielstellung für neue Arbeitswelten sind Zusammenarbeit, Kommunikation im Raum, das Wohlbefinden und Miteinander, als Maßstäbe bezogen auf den Menschen. Trotz dieser Ziele, bei denen klar der Mensch das Maß der Dinge ist, seien permanente und präzise Messungen in Bezug auf die Flächenausnutzung, Investition und Veränderung von Arbeitsabläufen unabdingbar, damit jederzeit fundierte Maßnahmen zur Flächenoptimierung und zur Steigerung von Effizienz und Effektivität umgesetzt werden können.

Ralf Nähring, Gründer und Geschäftsführer des Unternehmens dreiform, stellt die Frage, welchen Kontext wir bei modernen Arbeitswelten beachten müssen. Der Mensch muss das Maß sein und die Arbeitswelt zu einem sozialen Ort, ein Ort für physische Begegnungen sein, echte Räume, die durch die Digitalisierung und die damit verbundene Entmaterialisierung unserer Umwelt und Beziehung als Sehnsucht verstanden werden. Das heutige Mindset und die Kultur der Arbeit hat sich verändert: es gibt mehr Optionen, das langfristige Binden an ein Unternehmen ist nicht unbedingt das große Ziel. Damit Menschen gerne in ihrem Unternehmen arbeiten, sind laut Nähring drei Faktoren wichtig: Purpose, Participation, Perspective. Der Arbeitnehmer soll orientiert sein, sich zugehörig fühlen und die Chance haben, seine, Potentiale frei entfalten zu können. Es geht um Identifikation. Einen idealen Identifikationsort – aka Office #4: das Studio, das tickt wie wir – hat sich dreiform vor kurzem selbst ermöglicht. Die Raumstruktur und -gestaltung ist im gemeinsamen Diskurs entstanden, was für Nähring essenziell war. Seiner Meinung nach soll das Team als gesamtes Entscheidungen treffen, Hierarchien gehören abgebaut.

Des Weiteren ist es wichtig, dass Kompetenzen und Potentiale des Teams sichtbar gemacht werden. Hierfür hat dreiform eine Collective Competence Cloud (CCC 1.0) entwickelt, quasi eine Kompetenzsuchmaschine. Diese funktioniert so, dass jeder Mitarbeiter seine Kompetenz bezüglich mehrerer Fachgebiete in vier verschiedenen Ausprägungsstufen angibt. Ergebnis ist ein individueller T-Shape-Editor, der die persönliche Kernkompetenz in einem T-förmigen Diagramm als größte Ausprägung und die weiteren Kompetenzfelder, mit deren Breite sich Schnittmengen zu anderen Teammitgliedern bilden, offenlegt. Nicht nur kann mit dieser Grundlage ein Projektteam individuell perfekt für eine Aufgabe zusammengestellt werden, auch die bisher vielleicht unentdeckten Potentiale, die im Unternehmen schlummern, können so aufgedeckt werden.

Panel 3: Vermessen!

FREITAG, 15. NOVEMBER 2019

kuratiert von und mit Jean-Louis Vidière Ésèpe

 

Jean-Louis Vidière Ésèpe, Creative Director Konzeption und Szenografie

Christiane Hütter, Künstlerin, Berlin

Prof. Uwe J. Reinhardt, Chair of Creative Writing, Head of edi – Exhibition Design Institut – Hochschule Düsseldorf

Die Szenografie bewegt sich mittlerweile nicht nur im Bühnenbildbereich, sondern schon längst außerhalb des Theaters. Szenografie ist Inszenieren und Poesie zugleich, sie ist ganzheitlich und kann soziale Räume bilden. Das Spiel ist ebenso ein wichtiges Stichwort. Inwieweit das Spiel mit der Bühne zu tun hat, geht Jean-Louis Vidière in seinem Szenografie-Panel auf unterschiedlichster Weise nach. Die Besonderheit diesmal bei Raumwelten 2019 im Panel Szenografie: das Publikum wird dazu aufgefordert, den gesamten Vortrag mitzugestalten.

Jean-Louis Vidière Ésèpe, Kurator des Panels Szenografie, sprengt das Maß der Präsentationsformate bei Raumwelten 2019 und eröffnet das Panel mit einer im wahrsten Sinne mitreißenden Vortragsperfomance, gemeinsam mit seinen Protagonisten seines Szenografie-Panels Christiane Hütter und Prof. Uwe J. Reinhardt.

Ein vibrierender und tiefer Sound ertönt plötzlich aus allen Ecken. Das Publikum sitzt gespannt auf seinen Stühlen. Die Spannung steigt… aus den Lautsprechern ertönt nun eine Computerstimme, die alle Reisenden dazu auffordert ihre Plätze in der sozialen Raummaschine einzunehmen. Denn die soziale Raummaschine bewegt sich nur durch sozialen Antrieb! Das Publikum ist sichtlich verwirrt, schaut und hört den Performern und der Stimme aus den Lautsprechern aufmerksam zu. Die Blicke des Publikums wandern nun suchend durch den großen Vortragsraum.

Plötzlich tauchen zwei Personen auf, es sind Christiane Hütter und Prof. Uwe J. Reinhardt, sie gleiten mit beschrifteten Pappschildern durch das Publikum, die unter den Zuhörern verteilt werden. Die Computerstimme aus den Lautsprechern leitet das Publikum weiter an, die durch die Flugbegleiter Jean-Louis Vidière, Christiane Hütter und Prof. Uwe Reinhardt vorher verteilten Schilder in die Luft zu halten und laut vorzulesen. Diese Schilder beinhalten Richtungen und Orte, die bereist werden können. Die Reisenden werden nun gebeten den Vortrag aktiv mitzugestalten. Das Publikum zeigt an, wo die Reise im Panel 3 nun hingeht.

Jean-Louis Vidière möchte etwas Chaos schaffen und fordert das Publikum auf, die Plätze spontan zu tauschen. Nachdem alle fleißig ihre Plätze getauscht haben, leitet Prof. Reinhardt den Vortrag mit einer Art poetischem Szenografie-Slam ein, er spricht über Maßlosigkeit in der Szenografie und zitiert Jean-Louis Vidière aus einem gemeinsamen Gespräch. Sie gehen davon aus, dass Maßlosigkeit ein wichtiger Bestandteil der grenzenlosen Kreativität ist, für den Entwurf, für die Formate und für die szenografischen Erkundungen, der ganze Prozess des kreativen Schaffens sei wie Poesie und noch dazu maßlos. Er spricht über Kontinente der Unerschöpflichkeit, über Raumwelten, Welträume und das Entwerfen der Welt. Und es gibt auch noch den Eiffelturm als unabgeschlossenes Projekt, Berichte einer nächsten Expo, der Geist des maßlosen Kapitalismus …

Wie viele Austern kann man eigentlich essen? Wie viele sind zu wenig? Und wie viele Bücher darf man kaufen? Gibt es zu viel Musik? Zu viele Platten? Wieviel ist eigentlich gut und wieviel tut uns gut, fragt Prof. Reinhardt in seiner Vortragsperfomance zum Thema Maß und Maßlosigkeit und Konsum. Eine neue Challenge wird nun im Raum ausgeschrieben, bis zum Ende des Panels sollen 12 Austern beschafft werden, die Tat wird mit ewiger Dankbarkeit belohnt. Wir dürfen gespannt sein …

In kurzen Abständen, aus dem Publikum hoch gehaltene Schilder sollen den Vortrag stören und bringen die Speaker dazu, spontan eine Geschichte zu den hochgehaltenen Themen zu erzählen. Als ein Schild in die Luft gehievt wird mit dem Inhalt „Der Freiheit eine Gasse“, führt Prof. Reinhardt den Satz mit den Worten fort: „Wilhelm Tell, Friedrich Schiller, sich nicht unterdrücken lassen, dagegen sein, sich den Apfel vom Kopf schießen lassen, ist es ein Thema für die Szenografie? Ein Thema für maßlose Räume? Ganz nach dem Credo nichts riskieren heißt nichts gewinnen.”

Als erneut ein Schild aus dem Publikum mit der Aufschrift „Kaffepause“ erscheint, ergänzt Prof. Reinhardt das Thema mit einer Geschichte über die maßlose Herstellung des Kaffees, dass für eine einzige Tasse Espresso so viel Geld fließe, die ganze Welt sei davon voll und es scheine kein Ende in Sicht zu sein. Und für den Ursprungsort der Kaffeebohne bleibt fast nichts mehr übrig vom Gewinn. Auf einem Schild im Publikum erscheint wieder eine weiße Schrift: „Jesus liebt dich“. Hierzu erzählt Christiane Hütter ihre Geschichte, die sie in Köln zu ihrer Studienzeit erlebte: Über einer besonders langen Bank hing ein Plakat mit der Aufschrift „Die lange Bank ist das Lieblingsmöbelstück des Teufels.“

Es geht weiter vom Maßlosem zum Minimum, als Prof. Reinhardt die Small Houses oder Marie Kondo erwähnt, eine Japanerin, die sog. Ordnungsberaterin, die dafür bekannt ist über das Wegwerfen und Aufräumen zu lehren, wie man Dinge richtig und platzsparend in den Schrank einräumt. Prof. Reinhardt spricht über Planeten und Alpha Centauri, der Planet, der für uns am Ende der Maßlosigkeit steht. Wie kann man sich Lichtjahre überhaupt vorstellen? Und zitiert dabei Foucault, der sagt: „die Blicke sind begrenzt.”

Die Assoziationen zum Motto seien überfüllt, sagt Reinhardt, das Panorama der Maßlosigkeit erstrecke sich endlos. Er kam zum Schluss, dass letzten Endes alles, was wir tun mit Maßlosigkeit zu tun hat, z.B. über die Übertreibung der Bezüge. Gier. Neid. Schwelgereien. Todsünden… die Askese, Störung und Nichtstun und trotzdem Entwerfen. Mit dem Satz „Anarchie ist die begrenzte Maßlosigkeit, Demokratie aber als Maß der Dinge“ beendet Prof. Reinhardt seine erste Vortragsperfomance.

„What the Foucault, sagen wir bei uns in Frankreich“ führt Jean-Louis Vidière fort. Er spricht über die Maßlosigkeit der sozialen Verhältnisse in Räumen. Vidière erläutert dem Publikum den Begriff der Heterotophie, den der Philosoph Paul-Michel Foucault einst ins Leben gerufen hat, und der seit ca. 1967 existiert. Das sind Orte, erklärt er uns, die nach eigenen Regeln funktionieren. „Es sind Räume die anders sind aber auch gegen andere Räume sind.“ Als Beispiel nennt er das Hotel oder das Bordell. Räume, die abseits der Gesellschaft sind, wo die üblichen gesellschaftlichen Regeln ihren eigenen Weg gehen. Maßlos sind die Verhältnisse in diesen Räumen. Jean-Louis Vidière geht davon aus, dass Szenografie in der Lage ist dies zu realisieren, aber im Sinne der Schaffung von Räumen die sozialen Verhältnisse durchaus unterstützen können, auch wenn nur für einen kurzen Moment. Er erwähnt als Beispiel Räume, die Spiel und Information beinhalten, wie die Räume aus dem Vortrag über die Experimenta, Deutschlands größtes Science Center: wie Kinder in einem Ausstellungsraum mit Wasser spielen können ohne Angst zu haben, mit nassen Anziehsachen nach Hause gehen zu müssen.

Christiane Hütter bestätigt Vidières Aussage und beschreibt diese Räume als inszenierte Räume, es seien bestimmte Räume, in denen wir uns auf eine andere Art bewegen als normalerweise. Christiane Hütter erklärt uns das schwedische Wort „Fuck Lagom“, ein Wort das „nicht zu viel und nicht zu wenig“ beschreibt, sie vergleicht es mit einem balancierten Zen-Zustand. Prof. Reinhardt und Christiane Hütter sprechen weiter über die Maßlosigkeit des Verweigerns und die Maßlosigkeit des nicht mehr Lernens und über das Erwachsensein. Was macht das Erwachsensein überhaupt aus?

Prof. Reinhardt beschreibt die Szenografie und den kreativen Prozess als Balanceakt zwischen Maß und Maßlosigkeit. Denn Maßlosigkeit ist ein schöpferischer Akt, ein poetischer Prozess, wo die Poesie und der Entwurf sich gleichen, denn Szenografie ist ein poetisches Verfahren. Die Gestaltung ist eine Haltung, wo wir Räume erobern und Spielräume schaffen können. Unterbrochen wird der Vortrag wieder mit einer Schrifttafel aus dem Publikum: „Analoge Anarchie“. Hierzu stellt Christiane Hütter ihr Projekt vor, das 2017 in Paris realisiert wurde. Ein demokratisches Kunstwerk sollte geschaffen werden. Hierzu hatte jeder die Möglichkeit, per App Fragen zu beantworten, die beste Antwort wurde in der App abgestimmt. Am Ende entstand ein leuchtendes Kunstwerk mit Buchstaben von bis zu drei Metern Höhe am Fluss in Paris. Eine der Aussagen war z.B. die Antwort auf die Aufforderung „Say something to Aliens”. Alle einigten sich auf „Please take Trump now“.

Von demokratischen Kunstwerken geht es weiter zur Frage, wie man den Tod in Szene setzen könne: Ausgefallene Bestattungszeremonien, die einer Beerdigungs-Performance gleichen, wo beispielsweise ein Busfahrer in einem nachgebauten Bus beigesetzt wird – ist das noch im Maß oder schon maßlos? Mit Maß oder Maßlosigkeit vergleicht Jean-Louis Vidière Orgien oder Exzesse in der Gesellschaft, wie z.B. den Kölner Karneval, der wiederum von seinem Gegenteil, der Fastenzeit umrahmt wird.

Ein energetischer Abschluss umrahmt das gesamte Szenografie Panel, dass durch viele und verschiedene Welten und Denkansätze gereist ist, mit einer verrückten, aber wohltuenden Tanzorgie mit dem gesamten Publikum. Zum Abschluss gibt es noch ein spezielles Reisekrankheitspulver für die Mitreisenden als Giveaway in Form von leckerer Brause. Und ja, die Challenge wurde realisiert: Prof. Ulrich Wegenast, Geschäftsführer von Raumwelten, bringt 12 Austern in angegebener Zeit höchstpersönlich auf die Bühne des Szenografie-Panels. Herzlichen Glückwunsch!

Panel 4: New Dimensions

FREITAG, 15. NOVEMBER 2019

kuratiert und moderiert von Tobias Wallisser

 

Nils Fischer, Associate Director, Zaha Hadid Architects, London

Maria Yablonina, Research Associate, ICD Universität Stuttgart

Cristina Díaz Moreno & Efrén García Grinda, Direktor*innen & Gründer*innen, Amid.Cero9, Madrid

 

Neue Dimensionen in der Architektur

Die Architektur nimmt durch die Genauigkeit von CAD und BIM eine immer vielfältigere Gestalt an. Bereits in verschiedenen realisierten Projekten werden ausschließlich individuell gefertigte Teile verbaut, wobei keines dem anderen gleicht. Was letztlich im Erscheinungsbild natürlich anmutet, ist eigentlich ein hoch technischer und komplexer Planungsprozess, wo nichts dem Zufall überlassen wird. Dabei stehen Architekten im Spannungsfeld zwischen dem Digitalen und der Realität. Denn das Know-How aus der Planungsphase in die Bauphase zu übertragen, ist aktuell noch ein großes Problem. Nils Fischer berichtet über seine Erfahrungen von seinen ersten Projekten des Messestands von BMW auf der IAA bis hin zu großen Projekten wie Nanjing Youth International Centre (China), bei denen er sein Wissen über digital erstellte Elemente weiterentwickeln konnte. Der Computer ist dabei sein primäres Entwurfswerkzeug und gleichzeitig Kommunikationsplattform. Beispielsweise wurde der gesamte Planungsprozess der Sheikh-Zayed-Brücke in Abu Dhabi vom Raumkonzept bis ins kleinste Detail einer Schraubverbindung in BIM eingearbeitet. Zu hinterfragen sei an dieser Stelle jedoch, ob es den Arbeitsprozess der Architekten vereinfacht oder erschwert?

Maria Yablonina arbeitet ebenfalls mit computerbasierten Konstruktionen und designt filament Strukturen mithilfe von mobilen Robotern. Ihre Inspirationsquelle ist die Bauweise von Spinnen. Die kleinen Tierchen nutzen bereits vorhandene bauliche Elemente, zwischen denen sie ihr Netz aufspannen. Diese Technik versucht Maria Yablonina auf die Arbeitsweise ihrer an Wänden hochfahrenden Roboter zu übertragen. Dabei entstehen spannende und hoch belastbare Fadenkonstruktionen. Jedoch steht aktuell noch viel mehr der experimentelle Ansatz und das prozesshafte Vorgehen im Vordergrund. Aber ist dies womöglich der Anfang, mit kleineren Maschinen große Räume zu bilden?

Auch Cristina Díaz Moreno und Efrén García Grinda arbeiten mit einer Art Fadenkonstruktion in ihrer Fassadengestaltung des Gebäudes Institución Libre de Ensenanza (Madrid). Die Fäden bestehen jedoch aus verschiedenen, sehr langen Metallstangen. Die Inspiration leiten die beiden Architekten vom Regenfall ab. Das Gebäude ist nach Innen orientiert. Im Innenhof liegt ein Garten, welcher als Herzstück des Gebäudes verstanden wird.

Schließlich entsteht ein Diskurs, mit Hilfe unterschiedlicher Ansätze sehr diverse Formen im gebauten Raum zu verwirklichen. Was einst nur in unserer Fantasie Gestalt annahm, kann heute mit Hilfe innovativer Technologien realisiert werden. Folglich nimmt die Architektur neue Dimensionen an.

Panel 5: Museumswelten

FREITAG, 15. NOVEMBER 2019

kuratiert und moderiert von Petra Kiedaisch

 

Tanja Zöllner, Senior Designer/Projektleitung, ATELIER BRÜCKNER, Stuttgart

Prof. Dr. Thomas Winterstetter, Vorstand und Partner, Werner Sobek AG, Stuttgart

Bettina Magistretti, Architektin / Projektleiterin M9 – sauerbruch hutton architekten, Berlin

 

Museen sind Plätze zum Staunen, Wunderkammern, die von Magie und Zauber leben und Besucher faszinieren, entführen in neue Welten. Auch in der Museumsebene lassen sich verschiedene Ebenen der Vermessung und Maßlosigkeit projizieren. Wie schaffen es Architekt*innen, Ingenieur*innen und Szenograf*innen, die perfekte Vermessung in räumliche Entgrenzung übergehen zu lassen. Antworten hierauf geben die drei Speaker im Panel 5 der Raumwelten.

Tanja Zöllner bringt uns die Philosophie des ATELIER BRÜCKNER mit zwei Museumsbeispielen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, näher. “Form follows content.”

In Le Brassus, Schweiz, Stammsitz des Unternehmens Audemars Piguet, befindet sich das Museum für die Marke, die Hersteller von Luxusuhren ist. Für das von BIG entworfene spiralförmige, lichtdurchflutete Gebäude entwickelt das ATELIER BRÜCKNER aktuell einen Ausstellungsparcours. Ziel ist es, die technischen Innovationen der Marke und Präzision der Uhrmacherkunst erfahrbar zu machen. Durch das Sichtbarmachen unsichtbarer Dinge, wie z.B. einer winzigen Schraube, die nur unter dem Mikroskop zu erkennen ist und in allen Uhren verbaut wird, bis hin zu einem überdimensionierten Uhrwerk, welches vor Ort selbst von Hand aufgezogen werden kann, setzt ATELIER BRÜCKNER die Kleinode in ganz unterschiedlichen Maßstäben perfekt in Szene.

Ein Projekt der Superlative ist das Grand Egyptian Museum in Kairo, das weltweit größte Museum ägyptischer Kunst und Kultur mit über 6.000 Ausstellungsobjekten, von tonnenschweren Statuen bis hin zu herausragenden Einzelobjekten wie die Totenmaske Tutanchamuns. Tanja Zöller gibt Einblicke in die Arbeit für dieses Projekt: Der Umfang der Ausstellungsobjekte verlangte es, eine eigene Datenbank entwickeln zu müssen, zwei Drittel der jetzigen Ausstellung wurden noch nie ausgestellt, für die 80 Tonnen schwere, 40 Meter hohe und 2000 Jahre alte Statue von Ramses 2 musste eigens eine Straße neu gebaut werden und auch die Platzierung der 70 anderen Großobjekten stellte eine Herausforderung dar. Modellarbeiten für Vitrinenanordnungen, unzähligen Montagen, Besprechungen mit Restauratoren und Kuratoren gehörten zum täglichen Geschäft. Voraussichtlich werden 1000 Besucher pro Stunde das Museum besuchen und auf verschiedenen Parcours das riesige Museumsareal erleben können.

Wie ist der gestalterische Erfolg bei beiden Projekten messbar? Das Ziel von ATELIER BRÜCKNER ist es, in den Räumen Erlebnisse zu schaffen, ATELIER BRÜCKNER will informieren, will faszinieren. Die Besucher bei Audemars Piguet bringen das Uhrwerk eigens zum Laufen, in Kairo durchläuft der Besucher das Museum im Sinne des Fundes des Grabes, welches sogar in den richtigen Proportionen nachgebaut und begehbar gemacht worden ist. Zur Magie in der Museumsgestaltung sagt Zöllner abschließend, dass diese Im Zusammenspiel zwischen Raum, den Geschichten und Besuchern entsteht. Die Magie ist es, welche für ein unverwechselbares Museumserlebnis sorgt.

Anderes Museum – andere Herausforderungen. Doha, die Hauptstadt Katars, wird momentan zu einem weltweiten Finanz-, Kultur- und Tourismuszentrum ausgebaut. Im Zuge dessen entstand auf Grundlage eines Entwurfes von Jean Nouvel das National Museum of Qatar, welches aufgrund seiner Größe und seiner geometrischen Komplexität Planer vor große Herausforderungen stellte. Ineinander verschachtelte, diskusähnliche Strukturen, abgeleitet von der rosettenartigen Struktur der Sandrose, stellen höchste Anforderungen an Planug und Installation des Haupttragwerks. Werner Sobek AG leistete neben vielen weiteren Aufgabenbereichen unter anderem das komplette Engineering und die 3D-Detail- und Fertigungsplanung für die Sekundärkonstruktion, Teile der Primär-Stahlbaukonstruktion und der 3D-Glasfaserbeton-Panels-Befestigung. Das Projekt stellt einen Meilenstein in der 3D-Konstruktion und im BIM-Design dar. Unter BIM (Building Information Modeling) versteht man eine innovative Planungstechnik, bei der umfassende, transparente und nutzbare Gebäudeinformationen online in Echtzeit in einem großen 3D-Modell gespeichert und für alle Gewerke zugänglich sind. Das BIM-Modell des Großprojekts fasste eine Datenmenge von einem Terrabyte, bestand aus 150.000 einzelnen 3D Daten und beschäftigte 300 Planer und 40 Fachfirmen auf der ganzen Welt. Die Außenfläche aller Disks zusammen maß circa eine Fläche von 106.000 qm und erforderte 70.000 Paneele aus glasfaserverstärktem Beton, die natürlich alle einzeln befestigt werden mussten. Auf der Baustelle waren bis zu 3.500 Arbeiter tätig, über 200 Architekten und Ingenieure waren on Site und es wurde nahezu 24/7 gearbeitet. Die Verwendung von BIM und den damit verbundenen völlig neuen Herangehensweisen waren laut Winterstetter in diesem Projekt eine essenzielle Voraussetzung, um die besondere dreidimensionale Komplexität und die daraus resultierenden Kollisionen der Komponenten aller Anwender in den Griff zu bekommen.

Bettina Magistretti von sauerbruch hutton architekten stellt das Thema Messen in Beziehung zur Sinneserfahrung in einem Raum. Die beiden Faktoren sind jedoch nicht immer kongruent, im Gegenteil: “Die Empfindung des Raums wird oft dann besonders stark, wenn sie sich konträr zu den physikalisch messbaren Größen verhält.” Als Beispiel führt sie hierfür die temporäre Rauminstallation “OXYMORON” an, die auf der Biennale von Venedig ausgestellt war. Unter einem Oxymoron versteht man die Zusammensetzung zweier widersprüchlicher Begriffe. Die Rauminstallation ist ein begehbarer Kubus aus sich wiederholenden Holzelementen, deren unterer Teil opak und geschlossen gehalten in schwarz weißer Gestaltung, wohingegen der obere Teil bunte Farbmuster ziert, die die Raumkanten scheinbar auflösen. Die Installation zeigt, dass die Raumabmessung nicht mit der Raumempfindung übereinstimmt, was gleichzeitig darauf anspielt, dass die Qualität der Architektur nicht allein durch ihren messbaren Parameter definiert wird.

Ein weiteres Projekt, bei dem sauerbruch hutton mit Illusion und Wahrnehmungstäuschung als Mittel der Gestaltung arbeitet, ist das Museum M9 im Museumsquartier in Mestre. Da das Museum verglichen zum städtebaulichen Kontext ein relativ großes Volumen darstellt, wurde das Gebäude optisch in mehrere Volumina aufgebrochen. Um es bestmöglich in die vorhandene Umgebung einzugliedern wurde eine Pixelfassade bestehend aus Farben der angrenzenden Wohnbauten entwickelt. Des Weiteren wurde perspektivische Illusion durch diagonal, zur Traufkante des Umgebungsgebäudes, fluchtende Fassadenelemente angebracht, die den Körper besser in die Umgebung integrieren sollen. Ziel im Innenraum ist es, sinnliche Räume zu schaffen über Materialität, Licht, Proportion, Kinetik, dem Bezug zur Außenwelt und Licht.