Learning from the Virus!

 Unter dem Motto „20 2 0 2.0 – Please Install New Spatial System Now!“ beschäftigen wir uns mit den Folgen und Auswirkungen der Corona-Pandemie, denn die Ausbreitung von Viren und deren Bekämpfung sind in besonderem Maße mit Raumfragen verknüpft. Trotzdem wird nun Raumwelten kein Hygiene- und Virologen-Kongress, sondern stellt die Frage in den Vordergrund, wie Szenograf*innen, Architekt*innen und Digital Artists mit den Herausforderungen von Covid19 umgehen.

War doch lange Zeit die Aufgabe von Kommunikation im Raum, Nähe zwischen den Menschen herzustellen – narrativ, emotional, aber auch physisch im Raum. Nun ist das höchste Gebot – quasi das 11. Gebot: „Du sollst Abstand halten!“ Damit sind Architekt*innen und Szenograf*innen mit der absurden Situation konfrontiert, bei neuen baulichen, szenografischen Projekten, das Gegenteil dessen umzusetzen, was sie mehr oder weniger erlernt haben – insbesondere im Veranstaltungssektor, aber auch in der Frage der effizienten Nutzung von Räumen.

Natürlich spielen bei der Aufforderung „Please Install New Spatial System Now!“ die digitalen Medien eine zentral wichtige Rolle und sie haben mit interaktiven Installationen, VR-Experiences und online-basierten Raumkonzepten diese Rolle bei Raumwelten schon von Beginn an gespielt. Der Prozess der Digitalisierung wurde durch Corona deutlich beschleunigt und hat die digitalen Defizite, die es insbesondere in Deutschland gibt, freigelegt. Allerdings geht es bei Raumwelten nicht darum, alles auf die digitale Karte zu setzen, die ja durchaus mit „Risiken und Nebenwirkungen“ verbunden ist, die es zu diskutieren gilt. Es geht vielmehr darum, die Kernaufgabe von Raumwelten – die Verbindung und Verzahnung von analog und digital, real und virtuell, onsite und online herauszuarbeiten und kluge Konzepte und Realisierungen vorzustellen. Raumwelten bietet für diese Zielsetzung sehr unterschiedliche Formate, die Informationen und Lösungen anbieten sowie Inspiration und Austausch ermöglichen.

Sicherlich ist die kluge und kreative Bewältigung der Corona-Krise die dringlichste Aufgabe, mit der sich eben nicht nur Virolog*innen, Epidemiolog*innen und Politiker*innen beschäftigen müssen, sondern ebenso Sozialwissenschaftler*innen, Philosoph*innen und Kreative. Aber die globale Krise resultiert nicht aus einem Virus, der sich ohnehin schon längst politisch verselbstständigt hat und gerade vielerorts in neuem Nationalismus und regionaler Abschottung mündet, sie bestand schon vorher und wurde letztendlich durch Corona verstärkt. Es handelt sich um Krisen des Klimas, der Globalisierung, des Urbanen und der Migration, um nur einige zu nennen. Krisen sind aber keine Endpunkte, sondern Wendepunkte. Krisen sind Teil und Ausdruck von Wandel und Transformation, die oftmals schmerzhaft und ungewiss sind, aber auch mit Verbesserungen und Neuem verbunden sein können.

Insofern haben viele der bei Raumwelten vorgestellten Projekte und Konzepte mit Utopien zu tun und sind räumlich-gesellschaftliche Experimente. Sie sind jedoch selten nur abstrakt, sondern zeigen Wege auf, wie mit den Problemen und Herausforderungen in Szenografie und Architektur, Stadtplanung und Event kreativ umgegangen werden kann, um im Idealfall die Räume und Orte zu produzieren, in denen wir wirklich leben wollen! Denn letztendlich stellt sich die Frage, ob es wirklich eine „neue Normalität“ geben wird oder ob wir nach Bereitstellung eines Impfstoffes doch nicht wieder schnell in die alten Raster und Routinen zurückfallen. Und natürlich stellt sich die Frage, wie diese „neue Normalität“ gesellschaftlich, ökonomisch, kulturell, aber auch räumlich aussehen wird. Schon heute zeichnen sich Tendenzen ab, die wir bei Raumwelten 2020 diskutieren wollen: dazu zählt u.a. die Rückkehr und Aufwertung des Ruralen und des ländlichen Raums, der sehr divers und oftmals nur wenig idyllisch ist, wie u.a. die Ausstellung „Countryside, The Future“ von Rem Koolhaas gezeigt hat.

Neben Inspiration und Reflexion erhoffen wir uns bei Raumwelten, aber auch konkrete Anregungen und Ideen zu liefern, wie u.a. die Herausforderungen bei der Gestaltung von Messen und Veranstaltungen oder (temporären) Bauten kreativ gelöst oder neue Geschäftsmodelle für Kommunikation im Raum entwickelt werden können. Hierfür sind Formate wie Raumwelten New Business, Raumwelten Digital oder ABC Szenografie wichtig, die einen intensiven Austausch der Teilnehmer*innen und praktikable Vorschläge anbieten.

Im Kern von Raumwelten steht jedoch die Konferenz mit fünf hochkarätigen Panels, die von Janina Poesch/Sabine Marinescu (Plot), Charlotte Tamschick, Jean-Louis Vidière Esèpe und Tobias Wallisser hervorragend und vielschichtig kuratiert wurden. Ihnen gilt unser großer Dank, dafür dass sie trotz erschwerter Bedingungen ein innovatives und international relevantes Programm zusammengestellt haben! Aber auch den fast 50 Top-Speaker und Künstler*innen wie Daan Roosegaarde, Nathalie van Sasse van Ysselt, Mitchell Joachim, Ren Yee oder Dara Smith gilt unser großer Dank. Viele wollten anreisen und mussten kurzfristig ihre Pläne und Konzepte umstellen, um ihre Talks und Präsentationen online durchzuführen.

Unser Motto „20 2 0 2.0 – Please Install New Spatial System Now!“ war teils gewollt, teils ungewollt auch Leitlinie für die organisatorische und konzeptuelle Umsetzung der diesjährigen Veranstaltung: so planten wir von Anfang an eine hybride Umsetzung von Raumwelten, die auch die Chance der Internationalisierung und der Erweiterung der Inhalte in den digitalen Raum beinhalten sollte. Doch mussten wir kurzfristig aufgrund der Corona-Verordnungen des Bundes, am 27. Oktober Raumwelten von „hybrid“ auf „online only“ umstellen. Geplant waren in unserem neuen, tollen Veranstaltungsort, dem Kunstzentrum Karlskaserne in Ludwigsburg, neben der Raumwelten Konferenz, auch Ausstellungen, ein Familientag und ein spezielles Ambient Lab Festival. All diese Aktivitäten im Bereich Raumwelten Public, die größtenteils kostenfrei zugänglich sein sollten, mussten und konnten wir für das Online-Format adaptieren. Somit wird die Reithalle des Kunstzentrums Karlskaserne von einem öffentlichen Veranstaltungsort zu einem professionellen Streamingstudio mit einem verstörenden, aber äußerst passenden Bühnenbild des Stuttgarter Allroundkünstlers Robin Treier, das die momentane Situation der Kultur- und Kreativbranche auf den Punkt bringt.

Wir sind sehr froh, dass unser Team (auf ein Neues!), unsere Partner, Dienstleister und Sponsoren, uns in dieser sehr dynamischen und komplexen Zeit mit großer Leidenschaft und Motivation unterstützt haben. Besonders hervorheben möchten wir neben den Mitarbeiter*innen der Film- und Medienfestival gGmbH das Team der Karlskaserne um Jochen Raithel, unseren neuen Hauptpartner, die Volksbank Ludwigsburg, und unseren Kinopartner, das Central & Union Filmtheater, das wieder massiv vom Lockdown betroffen ist! Großer Dank gilt auch dieses Jahr der IBA’27 und dem PopBüro Region Stuttgart für die Unterstützung, den spannenden Input und die mehr als angenehme Kooperation.

Wir wünschen Ihnen bei dieser neuen digitalen Form von Raumwelten viel Inspiration und Interaktion, die vielleicht sogar zum Schluss dazu führen kann, dass wir „neue Systeme“ des Erlebens und Arbeitens in realen und digitalen Räumen erkennen und installieren – frei nach der Aufforderung des Architekturtheoretikers und Philosophen Paul B. Preciado „Learning from the Virus!“.

 

Prof. Ulrich Wegenast                   Dieter Krauß

Künstlerischer Geschäftsführer     Kaufmännischer Geschäftsführer

Film- und Medienfestival gGmbH

Foto. Reiner Pfisterer