Niemand weltweit wird bezweifeln, dass das Jahr 2020 das Jahr des Umbruchs und einer neuen Normalität ist, die alle Lebensbereiche betrifft. Bei Fragen rund um die Corona-Pandemie standen in virologischer und soziologischer Hinsicht häufig Räume im Zentrum –  sei es bei Open Air-Autokonzerten, in häuslicher Quarantäne, beim Home-Schooling, beim Schutz der Risikogruppen in Altenheimen und bei ungewollten Infektionsinszenierungen in Baumärkten, Schlachthöfen und Après Ski-Bars. Es ging und geht um Abstände und Isolation – also um all das, was Kommunikation im Raum vermeiden möchte.

Dementsprechend ist es nahezu unvermeidbar, dass sich bei Raumwelten 2020, viel, aber nicht alles um die Frage dreht, wie Szenografie und Architektur während und nach einer (Corona-)Pandemie funktionieren können. Welche Veränderungen im szenografischen und architektonischen Kontext ergeben sich durch die Pandemie? Welche neuen räumlichen Programme entstehen und wie sehr intensiviert sich durch die Pandemie die Digitalisierung des Raumes? Welche soziologischen Implikationen wird die Pandemie auf die Nutzung unserer Räume im Zeitalter von Social Distancing haben? Und können wir möglicherweise vom Virus lernen, wie dies Paul B. Preciado in seinem Artikel „Learning from the Virus“ im Artforum schreibt.

Erleben wir im Herbst einen Neustart des sozialen Lebens und die Renaissance des öffentlichen Raumes oder die zweite Welle? Szenograf*innen, Architekt*innen, Philosoph*innen, Medienschaffende, Digital Artists, Wirtschaftsvertreter*innen und Politiker*innen diskutieren vor Ort und im digitalen Raum über die Frage wie Szenografie, Architektur, Stadtplanung und digitale Medien kreativ mit dem dystopischen Jahr 2020 umgehen, ob sich die These „dass nichts so sein wird wie vorher“ wirklich bewahrheitet und wie Kreative gewitzt und originell mit den neuen Limitierungen im Raum umgehen.

Ein weiterer inhaltlicher Aspekt, der im Kontext von Corona aber auch in Bezug auf die ökologische Krise, bei Raumwelten zum Tragen kommen wird, ist die Frage, inwiefern es in Zukunft eine Verschiebung vom Urbanen in Richtung Ruralem geben wird. Gibt es eine Renaissance des ländlichen Raumes, wie sie Rem Koolhaas in seinem Ausstellungsprojekt „Countryside, The Future“ im Guggenheim Museum skizziert oder in der Konferenzreihe „Stadt.Land.Schluss“ im Allgäu thematisiert wird (www.stadt-land-schluss.eu)? Und kommt durch die Corona-Pandemie, die die Defizite unseres Wirtschaftssystems offenlegt, das Ende der Globalisierung, wie wir sie kennen? Entsteht durch diese und weitere weltweite Bedrohungen (Klimawandel, Terroranschläge, Pandemien…) eine neue Form von resilienter, widerstands- und anpassungsfähiger Architektur? Wird es neue Architekturformen, neue Inszenierungen, neue Räume geben, die durch neue Materialien, Konzepte, Verordnungen und Medien geschaffen werden?

Gleichzeitig stellen sich ganz pragmatische und auch existenzielle Fragen in Bezug auf Kommunikation im Raum im Zeitalter von Corona:

Wann wird es oder wird es überhaupt jemals wieder Messen und Ausstellungen, Inszenierungen und Konzerte geben, wie wir sie kennen? Und wie werden Messen, Ausstellungen und Inszenierungen aussehen? Was passiert mit den unzähligen Szenograf*innen, Ausstellungsgestalter*innen und Messebauer*innen, die leibliche Begegnungen vor Ort inszenieren und realisieren? Welche neuen Geschäftsmodelle kann es für Szenograf*innen und deren Dienstleister geben und wie können digitale Medien, wie z.B. Multi-User Virtual Reality, Conferencing- und Meetingsoftware oder prozessuale und interaktive Games, eingesetzt werden, um soziale Nähe und erfahrbare Räume zu erzeugen? Oder gibt es bereits die große digitale Müdigkeit, die die Menschen wieder mit Vehemenz in reale Räume treibt?

Die kommende Ausgabe von Raumwelten ist sicherlich seit ihrer Gründung 2012 die Veranstaltung, die im Vorfeld die meisten und größten Fragezeichen erzeugt und ein freudig-kreatives Management der Unsicherheiten erfordert. Dementsprechend fallen Format und Thema bei Raumwelten 20 2 0 2.0 als hybride Ausgabe unentwirrbar zusammen…

Prof. Ulrich Wegenast, 14.09.2020