HANDELSWELTEN – VON DER INSZENIERUNG VON WAREN

Kuratorin Dr. Petra Kiedaisch
Markenwelten, Schaufenster und Shoppingmalls finden sich mehr und mehr in den Portfolios namhafter Architekten, die Architektur schlüpft zunehmend in die Rolle der Regisseurin, Szenographin oder Dramaturgin. Warum? Da Konsument_innen immer mehr zu Prosument_innen werden, die im Internet recherchieren und bestellen, nimmt der Einkauf im Einzelhandel ab. Wie kann dieser wieder attraktiver gestaltet werden?

Im von Dr. Petra Kiedaisch kuratierten Panel Art & Research gehen Philipp Teufel, Tristan Kobler, Jan Knikker und Dr. Jons Messedat dieser strukturellen Entwicklung auf den Grund, spüren daraus resultierende Trends auf und berichten von eigenen Ansätzen.

 

RETAIL DESIGN STUDIEREN

PROF. PHILIPP TEUFEL, MALSYTEUFEL GBR, WILLICH

Obwohl Trends zeigen, dass der Onlinehandel in Zukunft zum Hauptkanal avancieren wird und stationäre Geschäfte nur noch sein Anhang sein werden, geht der Wunsch nicht verloren, die Warenwelt sinnlich zu testen und zu erfahren. Die Herausforderung besteht laut Teufel also darin, herauszufinden, wie die digitale Welt mit dem Shoppingerlebnis kombiniert werden kann.

Grund, einen neuen Studiengang ins Leben zu rufen: Seit 2013 lehrt die Peter Behrens School of Arts (PBSA) der Hochschule Düsseldorf „Retail Design“ und wappnet die Designer_innen kommunikativ, grafisch, räumlich und digital für die Zukunft. „Damit besteht die Chance auf Akademiker_innen im Einzelhandel, die alles architektonisch und szenographisch betrachten können“, sagt Teufel.

Beim Bau großer Einkaufszentren fehle oft der Architekteninput und dem Handel die Visionen. Laut Teufel ist etwa haptisches Erleben einer der wichtigsten Faktoren der Kaufentscheidung. „Kinetische Displays, bewegte Elemente und Räume werden wichtig, außerdem neue Lichtkonzepte“, erklärt er anhand interaktiver Warenpräsentationen.

Heute verfließen die Grenzen zwischen Markt, Magazin, Warenhaus, Museum, Kunst und Kommerz. Alles überlagert sich und geht ineinander über – ein ganzheitliches Denken innerhalb der Bereiche Architektur, Szenographie, Kunst und Kommerz ist also unvermeidlich. Der Retail Designer soll im Idealfall ein Regisseur sein, der als Ganzes denkt, sieht und inszeniert, dabei Storys entwickelt und physisch erlebbar macht – das möchte die PBSA ihre Studierenden lehren.

 

MISE EN SCÈNE – SIDE EFFECT SHOPPING

TRISTAN KOBLER, HOLZER KOBLER ARCHITEKTUREN GMBH, ZÜRICH

Die Welten des Verkaufs und der Ausstellungen ähneln sich. Beide haben das Ziel, Leute zu verführen und für etwas zu begeistern.

Dass dies mit Licht und einfachen architektonischen Mitteln in Shoppingmalls zu erreichen ist, zeigt Tristan Kobler anhand eindrücklicher Vorher-Nachher-Vergleiche. Die Shoppingmall ist auf dem Weg zu einem Erlebniszentrum, in dem nicht mehr das Shoppen, sondern die Kommunikation und die Freizeitgestaltung im Vordergrund stehen.

Was heute ein denkbares Szenario darstellt, war 2003 seiner Zeit noch voraus: Mit dem Projekt Ebisquare reichten Holzer Kobler ein Konzept ein, das selbst in heutiger Zeit noch visionär wirkt. Eine bunte Erlebniswelt, die für die damalige Schweiz bei weitem zu extravagant war.

Toolboxen sollten im Entwurfsprozess verdeutlichen, welche Stimmungen eingefangen und im Gebäude erzeugt werden könnten. Atmosphäre, Licht, Klang, Duft und Farbe verschiedener Umgebungen, die den Besucher der Mall in andere Welten abtauchen hätten lassen. Kletterwände anstatt Treppen, Angeln in angelegten Teichen und Wetterwechsel im Gebäude – innovativ und außergewöhnlich.

Die Idee dahinter: kein Verkaufszentrum, sondern Interaktion im Raum sollte generiert werden.

Diese genreübergreifende Art des Denkens setzt sich mehr und mehr durch. Flagshipstores arbeiten mit Künstlern zusammen und in Malls hat die Zentrumsleitung eine ähnliche Aufgabe wie ein Kurator: Sie holen innovative Temporärshops und bieten Kulturveranstaltungen – ein Konzept wie Koblers wäre aber selbst für die heutigen Standards noch faszinierend.

 

CATHEDRAL OF FOOD

JAN KNIKKER, MVRDV, ROTTERDAM

Eine Markthalle für Rotterdam: Für einen Investorenwettbewerb „Markthalle & Wohnen“ suchten Knikker und sein Team Inspiration in Spanien. Die Inszenierung der Lebensmittel erfuhren sie dort, außerdem die Tatsache, dass ein typisches „Marktchaos“ im eigenen Entwurf vermieden werden sollte.

Ein großes, offenes Gebäude, eine Art „Kaufkathedrale“ als Hommage an die Basiliken, die einst aus Markthallen entstanden sind – dabei sollte weiterhin die physische Interaktion mit der Ware im Mittelpunkt stehen.

Heute steht die Markthal in Rotterdam, seit ihrer Eröffnung zählte sie neun Millionen Besucher – und das kommt nicht von ungefähr: Sie lockt mit einem riesigen Fenster – einer Kabelnetzfassade, zwischen deren Stahlkabel Glas montiert wurde – ins Innere.

Die typischen Marktstände im Erdgeschoss sind an sich neutral gehalten, allerdings bieten sie den Händlern eine Bühne für ihre eigene Inszenierung. Über den Köpfen der Besucher lockt ein Deckengemälde als Kunstwerk, dessen perforierte Platten in die Akustik eingreifen, indem sie den Schall schlucken.

Der Innenraum ist zugleich Außenraum, da die Jahreszeiten in der Halle abgebildet werden. Einzig Propeller und Fußbodenheizung gleichen extreme Temperaturschwankungen in Sommer und Winter aus.

Ein architektonisches Hilfsmittel bringt Tageslicht selbst in die unterste Etage der Tiefgarage. Dort unten wurden während der Bauphase archäologische Fundstücke gefunden, die nun in einem kleinen Museum unter den Treppen der Markthal ausgestellt werden. Im Baukörper der „Cathedral of Food“ befinden sich Wohnungen, von denen aus man einen freien Blick auf das Treiben in der Markthalle hat.

Das Resultat: 4,5 Mio. Touristen jährlich zeigen, dass mit der Halle ein Nerv der Zeit getroffen wurde und so plötzlich Touristen nach Rotterdam lockt.

 

VOM SMART PHONE ZUM SMART SPACE

In der abschließenden Diskussionrunde mit Dr. Jons Messedat vom Corporate Architecture Institute in Stuttgart, fragt Dr. Kiedaisch: „Soll man sich der Digitalisierung entgegensetzen und die Renaissance des haptischen unterstützen?“

Messedat: „Ich empfinde dies als Kampf gegen Windmühlen. Vielmehr sollte die Digitalisierung in die Abläufe des Einkaufs und in die Architektur integriert werden. Dinge überlagern sich.“ Die Diskussion zeigt, dass gerade durch die Digitalisierung auch für Architekten spannende Aufgaben entstehen. Je mehr ins Internet verlagert wird, desto weniger ist wirkliche Erlebnisqualität gegeben.

Fazit:
Mit den Handelswelten und dem kreativen Potenzial von Architekturbüros und Hochschulen entstehen unglaublich interessante neue Aktionsfelder für Architekt_innen, Szenograph_innen und Medien. Es eröffnen sich viele neue, in die Zukunft reichende, Spielplätze.

 

Text: Daniela Borgogno

13. November 2015