Die Raumwelten-Echtzeitredaktion 2016

Damit Sie sich auch nach Raumwelten über die Inhalte der Veranstaltung informieren können – sei es, weil Sie nicht vor Ort sein konnten oder weil Sie einfach noch einmal das Erlebte nachlesen möchten – haben wir unsere Echtzeit-Redaktion ins Leben gerufen. Fünf Studenten sind als rasende Reporter bei Raumwelten unterwegs. Das, was sie dokumentieren, wird zeitnah während und nach Raumwelten online gestellt.

Manuel Ahnemüller

Nach einjähriger Sprachreise, einem Praktikum in Grafik/Print und dem Bachelor, studiere ich derzeit im Master das „Entwerfen Raumbezogener Systeme und Ausstellungsgestaltung“ an der Universität der Künste Berlin, wo eine Varianz der narrativen und dreidimensionalen Entwurfsmethoden vermittelt wird. Interessiert an Material- und Formstudien, gehen diese Hand in Hand mit einer prozesshaften, künstlerischen und technisch versierten Gestaltung.

Die Grenzen werden aufgelöst

Das klassische Büro mit vier Wänden und einem eigenen Schreibtisch ist kein Konzept mehr für zukunftsorientierte und dynamische Unternehmen. So scheint es, als gehöre es heute zum guten Ton das sich eine permanent – ja schon fast täglich – wandelnde Unternehmenskultur an die örtlichen Gegebenheiten anpasst. Betrachten wir die Spanne zwischen „wünschenswert“ und „unbedingt notwendig“, da eröffnen sich aus infrastruktureller Sicht schon fast kleine Mikrouniversen und es macht den Eindruck als sei z.B. eine betriebseigene Kita eine unumgängliche Instanz.
Aber woher kommt dieser Wandel? Ebensolche Unternehmen haben erkannt, dass es nicht ausreicht sich ausschließlich nach Außen als Marke „XYZ-Chic“ zu präsentieren, sondern werfen einen Blick auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter_innen. Nachfolgende Generationen – einer damit einhergehenden Werteverschiebung – und ein längeres Arbeitsleben – generiert durch einen frühen Berufseinstieg und einer Anhebung des Renten-Eintrittsalters – erweisen sich als relevante Faktoren für eine interne Umgestaltung. In einer global vernetzten Welt, in der sich die Grenzen zwischen virtuellem und realem Raum fortwährend auflösen, eröffnen Betriebe Möglichkeitsräume in denen sie sich und ihre Mitarbeiter_innen vor einer vermeintlich dystopischen und menschenleeren Industrie 4.0 schützen wollen. Dabei orientiert man sich u.a. an dem Prinzip städtischer Passagen oder auch dem sog. Gradient-Ansatz, bei dem die unterschiedlichen Unternehmensbereiche fließend ineinanderlaufen. So ist das Desk-Sharing-Prinzip nach strategisch angeordneten Arbeitsplatztypologien aufgebaut und besteht in seiner Kernkompetenz aus einer multidimensionalen und temporären Raumstruktur; die Chefetage mal außenvorgenommen. Solche Hybrid-Flächen arbeiten mit Dualismen wie digital/analog, öffentlich/privat, zentral/verteilt etc. und erhalten durch das Auflösen alter Strukturen und das zusammenbringen neuer, scheinbar ein Eigenleben. Auf ungezwungene Art und Weise schaffen sie Platz für zufällige Begegnungen; die kleine Teezeile mit Kaffeemaschine und Mikrowelle bekommt den Charme einer WG-Küche, wird ein Ort der wertvollen Ideengeneration. Das solche Möglichkeitsräume eine allgegenwärtige Verbindungskraft haben, erkennen wir an dem konkreten Beispiel landschaftsarchitektonischer Wasserbecken, die zu einer Ressource für die hausinternen Kühlung werden und gleichzeitig als Lieferant für frisches Trinkwasser dienen, in dem sogar gebadet werden darf.
So verspielt diese neuen Raumgebilde und Arbeitsweisen auf den ersten Blick erscheinen mögen, vertreten sie jedoch weiterhin die nötige Seriosität und Ernsthaftigkeit die es im dem marktwirtschaftlichen Sektor bedarf. Um solch eine neue Art der Geschäfts-Identität erfolgreich nach Außen kommunizieren zu können, bedarf es neben einer großen Portion Mut auch ein leistungseffizientes Team an Mitarbeiter_innen, deren arbeitstechnischen Bedingungen anerkannt werden und in die gerne investiert wird. Es ist ein schmaler Grad zwischen Potentialerkennung und Selbstausbeutung und was bleibt ist die Frage: was kommt nach dem Co-Working-Space und wo sitzt eigentlich das Facility Management?

Ade verstaubte Vitrine.

Als größtes Vereinsmuseum in Deutschland nimmt die Erlebniswelt des FC Bayerns einen besonderen Stellenwert in der Szenografischen Branche ein. Auf über 3000 m2 werden nun 500 Exponate, nach elf Monaten Bauzeit ausgestellt. Es entstand ein Museum das den Besucher mit auf eine Zeitreise nehmen möchte; 122 Jahre nach der Gründung soll der Erfolg des Vereins greifbar gemacht werden. Im Herzen der Allianz Arena schaffen sieben „Zeit“-Räume ‚spannende‘ Geschichten und übermitteln die Werte und Haltungen welche den FC Bayern auszeichnen. Über die Jahre hinweg entwickelte sich im Fußball – um das Spielfeld herum – die Holztribüne hin zu einer komplexen Architektur. Diese Entwicklung wird dort ausgestellt, begleitet von einer chronologischen Repräsentanz an Trikots und Replikaten der wertvollen Pokale und Meisterschalen. Da historisches Material bislang nicht aus einer fachgerechten Sicht archiviert wurde, setzt das kuratorische Team auf die Mitarbeit ihrer Fans. Neben den medialen Aufzeichnungen spielen ebendiese Fan-Beiträge eine essenzielle Rolle in der Historie des Fußballclubs, vor allem aber eine emotionale. Mit dem Aufruf an Fußballenthusiasten gelangten so ganz persönliche Objekte und Geschichten in die Erlebniswelt.
In der Hall-of-Fame werden Trainer, Strategen und Spieler geehrt und gewürdigt. Auf einem Star-Walk sind die herausragenden Spieler verewigt, an einer Hör-Bar klingen Hymnen und Lieder aus dem Kontext, Kindern finden ein Angebot in einer Maskottchen-Hütte und Jugendliche können sich auf einem kleinen Spielfeld austoben.
Sowohl von inszenatorischer wie auch clubinterner Seite war es wichtig, dass Raum und Platz für die täglich hinzukommende Geschichte blieb. Die Erlebniswelt lebt von einer kontinuierlichen Aktualisierung und der Echtzeit-Bespielung; so finden auf einer – in der Ausstellungslandschaft integrierten – Bühne Lesungen und Interviews statt. Der Faktor ‚Lust‘ am Fußball, bzw. der Frust einer Niederlage wirkte sich sogar auf die offizielle Eröffnung der Erlebniswelt aus.
Das Team von Ranger Design arbeitet prinzipiell mit modellhaften, prozessbezogenen Darstellungsmethoden und legt Wert auf den Aufbau von Prototypen und ein plastisches Ausstellen. Das Resultat sind durchgedachte Medieninstalltionen mit kurzen Clips, welche sich auch im Vorbeigehen erleben lassen. Der kritischste Besucher – Kinder – geben gleich im Anschluss ihr Feedback „war gut/war schlecht“. So ist Erlebniswelt nicht nur ein reines Museum, sondern nimmt sich selbst als Ausstellungsort und Visitenkarte des Vereins wahr, bietet Event-Location mit Wohnzimmerflair.

Schaulauf der starken Unternehmen oder Qualitätszeichen der Branche

Der Kommunikationsverband versteht sich selbst als ein Knotenpunkt zwischen ‚Messebauunternehmen, Marketing-/Eventagenturen, Messearchitekten und -designer, Eventcatering-Unternehmen sowie jeweils deren Fach-Zulieferanten‘. Er ist Vertreter von branchenspezifischer Fachkompetenz und bietet den einzelnen, interdisziplinären Mitglieder wertvolle Vernetzungsmöglichkeiten. Die Fachfrauen/-männer einigen sich auf zeitgenössische Standards für die Industrie und möchten somit für ‚Sicherheit, Transparenz und Nachhaltigkeit‘ sorgen.
In vier Kategorien (Architecture, Event, Cross und Crafts) mit ihren spezifischen Unterkategorien werden Raumkonzepte von einer ausgewählten Jury bewertet und mit – in drei Auszeichnungsarten Bronze, Silber und Gold – mit einem Apfel-Award dotiert.
Wer also ein Projekt aus dem letzten Jahr einreicht, hat die Möglichkeit im Kreativranking (‚w&v‘/‚Horizont ‘/‚Blach Report‘) Punkte zu sammeln; um sich somit in der Branche eine stabile Präsenz nach Außen aufbauen zu können.
In diesem Jahr zeichnete sich weiter eine verstärkte Tendenz der mutlimedialen Inszenierung aus, dabei bleibt ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Digital und Analog vorhanden. Neben den großen, kostenintensiven Projekten wurden aber auch kleine und innovative Herzensprojekte ausgezeichnet.
Solch eine Auszeichnung ist nicht unbedingt ein günstiger Spaß, sorgt aber im Nachgang für ein Qualitätszeichen der Branche; mit den Worten des Verbands: „Die starke Stimme für Kommunikation. Wegweisend, lebendig, partizipativ.“

Julian Eric Christian

Mein räumliches Interesse situiert sich im Aufgabenfeld der Schaffung wie auch dem der Perzeption. Raum wird für mich Ort, sollte Bühne sein und ist Weg hin zu einer Erkenntnis, deren scharfe Kante nicht im Fokus liegt. Praktisch tätig bin ich als Innenarchitekt und verstehe den universitären Kontext im Studium der Visuellen Kommunikation an der UdK Berlin als Experimentierfeld in der Forschung und Spielplatz der Methoden. Der theoretische und konzeptionelle Rahmen ist für mich zentral. Im akademischen Fortschreiten halte ich mich im Spannungsfeld zwischen Ort und Raum auf, versuchend, Gleichschritt mit dem Nachgehen herzustellen.

Der Champagnerschnellkühler

Die Punktlandung am Nachmittag stellte mit „Mein Hoffi“ ein Projekt des Getränkehändlers Getränke Hoffmann und der strategischen Kreativagentur dan pearlman vor. Als Retailkonzept für räumlichen Bestand im urbanen Raum, das auf der Modernisierung von bestehenden Flächen und Werten basiert, wurde die geschaffene Pilotfiliale im Berliner Gräfekiez gezeigt, welcher als Pate der archetypische Späti beistand.
Die Frage, wie ein Kiezmarkt, ein auf den Standort und der nahe anwohnenden Bürger ausgelegter Laden, aussehen könnte, holte romantische Bilder des Kaufmannsladens herbei, schob die Warenauslage in Getränkekisten beiseite, reihte das Gut sauber und kleinteilig in Regale und ersetze den Waschküchencharme der ehemaligen Leuchtstofflampenreihe durch Erco-Magie. Die Auslage, inszeniert entsprechend ihres Wertes, räumte auf mit dem, was einen Getränkemarkt ursprünglich ausmachte, die freie Auslagefläche um und die bisherige Klientel aus. Die Transformation der Beweggründe, den Markt aufzusuchen wurden weg von einer Bedarfsdeckung zu einem Shoppingerlebnis gedacht. Zwar nicht als verdrängende Maßnahme gemeint, dennoch in ihrer Wirkung kaum als solche zu kaschieren, wendet sich „Mein Hoffi“ mit der Austauschbarkeit eines hippen Coffeeshops an diejenigen, die einst als Pioniere in den Bezirk zogen, der nun im Laufe einer Gentrifizierung sie zu den neuen Konsumenten macht. Jenen, die die Präsentation eines Weines aus der Region, auf künstlicher Patina von als ausrangiert hergestellten Weinkästen, zu schätzen wissen. Jener Haltung der Pilotfiliale ist der Ausweich anzumessen, sich der Gruppe abzuwenden, die vor jenen Pionieren da war; die Bewohner, um Mario Benedikt zu zitieren, die als „Sternburgtrinker“ einst im ersten und zweiten Stock der Altbauten gewohnt und nun mit denen aus dem vierten und fünften getauscht hätten. Positiv anzuerkennen ist definitiv die Attraktivität der Warenauslage, die Zugänglichkeit der Produkte und grundsätzlich die Haltung des Händlers, sich nah am Kunden anzusiedeln, sprich die Erhaltung auch kleiner Bestandsfilialen. Bei gleichen Preisen fand die Sondierung der Konsumenten, deren Einzugsbereich sich durch ein höherpreisiges Sortiment erhöhe, durch die Gestaltung der Agentur dan pearlman statt.
Es ist nachzufragen, wieso man sich konzeptionell eines Bildes wie dem des Spätis bedient, der gerade für ein Ignorieren strategischer Markenarchitektur steht, für einen Charakter der Unordnung und niedrigschwelligerer Kontaktaufnahme, einfach dadurch, weil diese nicht gestaltet. Nichgestaltung zu gestalten ist eines der Paradoxa, die auch in anderen Vorträgen geäußert wurden, ähnlich der Serendipität, die sich scheinbar solcher Beliebtheit erfreut, dass man sie passieren lassen muss. Müssen was könnte als Modus der ökonomischen Optimierung schreibt sich als Pilotprojekt interessant, als sich ausweitende Perspektive besorgniserregend in städtische Entwicklungsprozesse ein. Nichtgestaltung könnte daher für die von jetzt an nachziehenden Pioniere und jene von vor zwei Generationen als neuer Luxus gelten; als ein Luxus, den man durch sein Herbeisehnen zwar bestätigt, in aktiver Ausformung allerdings nur wiederum als umgekehrte Kritik entlarven würde.
Mein Ruf kling deshalb so: Bitte wollt uns nicht Immer Bühne sein. Ich erlebe selten eine Lust, wenn die vierte Wand um mich her in den Raum hinein explodiert. Ein Desinteresse gegenüber mir, dem Kunden als neue Qualität. Ich komme, weil du mich nicht brauchst.

Nichts, nur wieder.

Das morgendliche Panel 3, eingeleitet, moderiert und kuratiert von Dr. Petra Kiedaisch, ging unter dem Titel „Pop-Up Spaces – Everybody Goes Pop-Up!“ jenem Format der räumlichen Kommunikation nach, das sich schon inflationär in unser aller Kopfraum eingeprägt hat.

Diverse Browser haben uns bereits mit dem Pop-UP vertraut gemacht. Ich, noch mit zarten acht Jahren, meinem damaligen 56k Modem und dem Netscape Navigator, gegen Ende letzten Jahrhunderts, wurde schon damals belehrt, dass diese Fenster, die sich da plötzlich auftaten, so sicher wie heruntergelassene Scheiben von Autos seien, an denen man vorbeilaufend Süßigkeiten angeboten bekomme. Grundelemente dieser Szene blieben erhalten: Das aktuelle Pop-Up lockt mit individuellen, zeitlich begrenzten Angeboten, etwas nur für dich, nur jetzt.

Der Ekstase des Pop-Ups, die oft von einem charmant amateurhaften Charakter geprägt ist, können wir als Studierende einiges abgewinnen, da sie für uns nahbar und nachvollziehbar ist. Ebenso gelänge uns ein Akt der Aneignung, wie es Dr. Jons Messedat in seinem Vortrag als eine solitäre, guerillahafte Aktion initial beschreibt, die dann seriell adaptiert werde, bzw. werden könnte und in Formaten der Integration, wie im Berliner „Bikini“, einer Concept Mail, resultiere. Gerade letztere, kommerzialisierte Angebote verwirren mit ihrer Planung von Spontanität, dem berechneten, plötzlichen Emportauchen an Hotspots im urbanen Raum wie auch an ungefragten Orten. Dazu zeigte der Referent Guido Mamczur von der D’art Design Gruppe ein Beispiel: Zur Vorstellung zweier Produktlinien von Adidas wurde mit dem Ansatz des „Retailments“ eine Auszeichnung einer schon bekannten Marke mit einem, so Mamczur, spannenden emotionalen und sicheren Erlebnisraum realisiert. Diese Sicherheit mag vielleicht erst eine Augenbraue heben lassen, suggerierte doch gerade das Initialverständnis des Pop-Up-Begriffs ein gewisses Offenlassen der Reaktionen. Es greifen jedoch hier, in einem neoliberal geprägten Markt, die Marken als Leuchttürme der Absicherung ein und reduzieren Komplexität; sie geben Hilfestellung beim Annehmen einer Haltung. Das Reagieren auf ein von den Anbietenden selbst provozierten Problems, von zu viel dürfen und sollen, äußert sich in jenen kommerziell verfügbaren Pop-Ups für die Prosumer. Jenen Vorreitern dieser Entwicklung, die auf dem Kamm der Welle von Verunsicherung reiten, ein Wimpel des Fortgeschrittenen in der Hand, auf der Jagd nach dem Mehrerlebnis. Dabei wäre zu Fragen, ob die Zunahme von Pop-Ups auch ein Effekt der Einsicht ist, dass langer Bestand im Handel unwahrscheinlicher wird. So war vielleicht gestern ein Pop-Up zwei Stunden aktiv, heute der Weihnachtsdekoladen einige Monate.

Freilich gibt es fernab großer Marken auch immer noch spontane Pop-Uptische Dependancen, vor allem im Kultursektor. Der Verdruss über das gemeinsame Nutzen desselben Begriffs von unterschiedlichen Akteuren macht wohl das Streitpotenzial an dieser Stelle aus. Dabei mag einfach zu akzeptieren sein, dass das Entkernen und Annektieren solcher Konzepte von jenen, die es können oder wollen, einfach passiert. Die positive – im Sinne einer Weiterentwicklung – Achse des Pop-Ups äußerte sich u.a. in Beispielen gezeigt von Wulf Kramer von „Yalla Yalla!“. Mit Arbeiten wie dem „Collini Bay Resort“ (2014) wird auf einen potenziellen Leerstand und oder vernachlässigtes Potenzial in urbanen Räumen hingewiesen. Der Zustand jener Flächen wäre für mich am ehesten durch „nichts, nur dauernd“ zu bezeichnen, was gerade ein spontanes Erstehen bzw. Intervention dort ermöglicht. Die gesellschaftliche und politische Auswirkung, als Neuausrichtung in den Köpfen der Bürger oder Umdenken bei Politikern, kann den Weg hin zu einer Entwicklung solcher Räume ebnen. Ein Public-Private-Partnership wäre als Beispiel zu nennen. Erkennung, Aneignung, Redefinition und Bespielung sind wohl die Rahmenbegriffe für den Ablauf einer solchen urbanen Evolution, die wir uns in Erinnerung halten und dann auch kritisch an das nächste Pop-Up anlegen sollten.

Fabian P. Dahinten

Zwei Semester Bauingenieurstudium waren, neben der FOS Bautechnik, eine solide Grundlage für mein Bachelorstudiengang Architektur an der Hochschule Darmstadt. Während im Bachelorstudiengang die Verknüpfung von Entwurf und Konstruktion, neben dem Verständnis  für Raum, Ort und Mensch im Vordergrund stand, steht im Masterstudiengang der Fokus auf die Anwendung in der Praxis. Sowohl die Mitarbeit bei der Umsetzung eines Lernzentrums am Fachbereich, als auch die Mitarbeit bei einem Wettbewerb für den Hauptsitz einer Bank, welcher mit dem 1. Preis und der Realisierung gewürdigt wurden, sind wertvolle Ergänzungen in der Vertiefung zum Raumverständnis und dem Entwurf.

Ein Startup wird zum Weltkonzern – und ein Weltkonzern zurück zum Startup?!(Karsten Koch, SAP, Walldorf & Mike Herud, SCOPE Architekten, Stuttgart)

Mit den Herausforderungen an das Facility Management eines Global Players leitet Karsten Koch seinen Vortrag ein. Neben einem schnellen Wachstum, Firmensitzen in 70 Ländern, verschiedenen Kulturen gehören auch drei Zeitzonen zu seinen Herausforderungen.

Welchen Einfluss das Facility Management auf den Erfolg des Unternehmens haben kann, wird anhand der Einschätzung eines leitenden Mitarbeiters deutlich. Er schätze dessen Wert auf 15% von der Gesamtmarke SAP und gibt neben dem „Design Thinking Process“ und „Multidisciplinary Teams“,  „Flexible Office Spaces“ als Voraussetzung für Innovation an. Die Intention für das neue Innovationszentrum in Potsdam war eine Arbeitsumgebung eines Startups im Background eines Weltkonzerns zu schaffen. Mit dem Ziel von der Idee zur Lösung zu kommen und von der Lösung zum Produkt, welches das Unternehmen weiter voranbringt. Das Innovationzentrum, war ein kompletter Neubau daher gab es keine Stammbelegschaft, die zu ihren Bedürfnissen befragt werden konnte. Die Planer gingen daher auf Institute und Studierende zu um sie nach ihrer Vorstellung für ihren späteren Arbeitgeber zu befragen. Mit dem Ergebnis, dass sie nicht den großen Apparat eines Weltkonzerns vor sich sehen wollen, sondern einen attraktiven Arbeitgeber, der ihnen alle Freiheiten der Welt lässt.

Auf dieses Selbstverständnis der neuen Generation geht Mike Herud, von SCOPE Architekten ein und stellt sich die Frage, was Architektur in Zeiten der Mobilität bieten muss. Für ihn muss die Architektur Menschen zusammenbringen, die Kommunikation unter ihnen fördern, die Zusammenarbeit anregen und die Architektur muss Teil des Innovationsprozesses sein. Mit dem Innovation Center hat SCOPE eine Denkhalle geschaffen, in der die Funktionalität, nicht das Design, im Vordergrund steht. Dies wird auch im Stützensystem der Fassade deutlich. Alle Elemente liegen einer Funktion zu Grunde, der Luftraum dient zur Kommunikation über die Etagen, Polster an den geneigten Stützen zur Arbeitssicherheit und bieten zugleich eine Sitzmöglichkeit für die Mitarbeiter an. Die Küche beschreibt Mike Herud als zentrales Element in jeder Wohnung, im Innovation Center rückt die Teeküche nicht nur szenografisch in den Mittelpunkt auch durch die Reduktion von Kaffeemaschinen nur in diesen Bereichen, wird die Teeküche zum Treffpunkt im Unternehmen. Er beschreibt Architektur nicht nur als Hülle, sondern als ganzheitliches Design, welches ein Teil der Unternehmenskultur ist. Daher wurden viele Elemente speziell entworfen um auf den Ort, die Bedürfnisse und das Unternehmen einzugehen.

Mike Herud von SCOPE und Karsten Koch von SAP haben mit ihrem Vortrag bewiesen, welches Potenzial durch eine gemeinsame Auffassung von Raum und dessen Bedeutung auf den Arbeitsalltag möglich ist. Bei diesem Projekt ging es auch sicherlich nicht ohne harte Zahlen, jedoch haben die Beteiligten zweifelsfrei gezeigt dass sie den gemeinsamen Blick über die Zahlen hinaus haben.

Die Kreativbranche als Wegbereiter

Gewachsene Nutzungen, alte Strukturen und ein beginnender Wandel. Eine heterogene Nutzungsnachbarschaft, die Konfliktpotenzial bietet, nicht nur bei Flächeninteressen, sondern speziell bei der Entwicklung und Empfindlichkeit von Lärm. Die Vorstellung des Quartiers durch Tobias Großmann, klingt nach einer typischen Problemzone von wachsenden Städten. Die Industrie kann nicht mehr wachsen, siedelt um und das Gewerbe bleibt, welches sich mit der neu entstehenden Wohnnutzung arrangieren muss. Mit einem umfangreichen Bürgerbeteiligungsprogramm hat die Stadt Ludwigsburg nicht nur den richtigen Weg entschieden, sondern mit den ansässigen Unternehmen auch engagierte Partner gefunden.

Mit 90 Wohneinheiten hat Dennis Müller als Vertreter des Büros VON M, die Aufgabe erhalten ein komplettes Subquartier zu planen. Die größte Herausforderung – die Lärmbelastung – haben sie in einer Menge Fleißarbeit zum gestaltungsbildenden Werkzeug gemacht. Jeder Rücksprung, die tiefen Leibungen und die Gebäudeformen sollen in der Lärmreduktion begründet liegen. Der Gebäudephysiker als Gestalter? Der angrenzende Grünraum und die Verknüpfung zwischen öffentlichen und halböffentlichen Flächen wurde als Potenzial erkannt und hat in den Entwurf Einzug gehalten. Der Wohnturm, in der Höhe angelehnt an ein früheres Industriegebäude, schafft nur bedingt eine Verknüpfung des alten und neuen Quartiercharakters, vielmehr wirkt er in das gesamte Quartier als Zeichen des Wandels.

Der Charakter eines Quartiers wird zweifelsfrei stark durch die Gebäude geprägt, umso erstrebenswerter und viel ökologischer ist die Umnutzung von bestehenden Bauwerken. Wer kann dies besser als die Innovativen und Kreativen? Neben der Werbeagentur pulsmacher, vorgestellt durch Herrn Jens Kenserski und die Robert Bosch Start up GmbH, Herrn Peter Guse haben genau diese Kreativen eine neue Heimat in der Weststadt gefunden. Sie beschreiben Heimat als ein Gefühl und lassen das Publikum an ihrer Vision teilhaben, die Arbeit als Ort des Wohlfühlens zu begreifen, als Identifikationspunkt mit dem Ort, und die Kollegen als Gemeinschaft in dessen sozialem Gefüge man sich selbstverwirklichen kann. Die Arbeit als Teil des Lebens.

Mit dieser Vision will die Robert Bosch Startup GmbH einer ständig lauernden Disruption einen Schritt voraus ein. Ständige Neuerfindung ist der Schlüssel zum Überleben, die Startup Abteilung als Investition in die Zukunft. Fast wie eine kleine neue offene Arbeitswelt, wird das Innovationcenter als kleines Ökosystem auch von weiteren kleinen Firmen beschrieben, in den die optimalen Wachstumsverhältnisse für Innovationen herrschen.

Stadtverwaltung, Bevölkerung, Unternehmen und Architekten – wenn alle Akteure mit Engagement an der Stadtentwicklung mitwirken, können inspirierende Beispiele wie diese entstehen.

(Tobias Großmann, Stadt Ludwigsburg; Prof. Dennis Mueller, VON M; Peter Guse, Robert Bosch Start-up GmbH zusammen Jens Kenserski, pulsmacher))

Franz Thöricht

Nach einem Jahr in Berlin habe ich in Leipzig außerschulische Kunstpädagogik Studiert und mich dort unter anderem den „Kunstraum E“ gegründet, der sich in Stadtteilarbeit und Kulturbereich engagierte. Im Anschluss habe ich ein halbes in Istanbul in einer Kunstinitiative gearbeitet und wohne jetzt seit zwei Jahren in Dortmund, wo ich an der Fachhochschule „Szenografie und Kommunikation“ studiere. Neben dem Studium bin ich in freien Projekten und Kulturinstitutionen als Kunstpädagoge und Szenograf tätig.

Wie verschmelzen Online- und Offlinewelten?

„Let’s get physical; let me hear your body talk…“ singt Olivia Newton Jones in ihrem 1981 veröffentlichen Hit. Dass sie sich bei der Verbreitung desselben aber nicht nur auf ganz physische Zusammenhänge verlassen hat wird schnell klar, wenn man das dazu veröffentliche Musikvideo anschaut. In ihm sieht man die Protagonistin in frechem Sportoutfit neben mehr oder weniger gestählten Männerkörpern in einem Raum, der wie aus einem Computerspiel gänzlich digital entstanden scheint, tanzen und interagieren. Ist das schon eine sanfte Vorahnung auf den Begriff phygital?

„Ich stehe physisch vor Ihnen“ konstatiert Roman Passage in seiner kurzen Einführung in das Panel und seiner Beschreibung des Begriff phygital. Dass das auch schon im Alltag zu tragen kommt, stellt er mit seinem Doppelgänger „Smartphone“ fest und verweist auf eine eindrückliche Installation im ZKM Karlsruhe, bei der erstaunend persönliche Ergebnisse durch einen Scan des Mobiltelefons zu Tage traten. Physische Präsenz und digitales Erscheinen scheinen parallel in zwei Körpern zu existieren. Wie hier an der praktischen Verschmelzung dieser Welten gearbeitet wird, sollte in den folgenden Beiträgen gezeigt werden.
Den Anfang macht Ralph Kindel vom Projektbüro Grüne Hauptstadt Europas, Essen und berichtete über die erfreuliche Ernennung Essens zur eben solchen im Jahr 2017. Nun kann sich die Stadt damit rühmen, nicht nur 2010, gemeinsam mit der Metropolregion Ruhr zu einer Europahauptstadt ernannt zu werden. Das Projektbüro verfolgte bei der Verwirklichung der Auszeichnung, was mit diversen Aufgaben und Zielen verbunden ist, einen – so Kindel – ganzheitlichen Ansatz. Im besonderen Fokus dessen steht auch die Digitalisierung der angebotenen Anker im Stadtraum, die aus grünen Inseln als Verbindungswege zwischen den Parks und bspw. dem fulminanten Renaturierungsprojekt Emscher, skulpturalen Landmarks und einem Green Capital Media Tower bestehen. Neben dem Einsatz von Augmented Reality, also einer Erweiterung der realen Informationen, Bilder und Erlebnisse durch mobile Endgeräte, die sich im Stadtraum ergeben, ist eine großangelegte Medienoffensive zur Reklame der Feierlichkeiten geplant. „Erlebe dein grünes Wunder“ ist der Slogan im Werbefilm, mit dem Ralph Kindel das Publikum glauben ließ, dass ganz Essen eine grüne Oase mit glücklichen spielenden Kindern sei.

Den zweiten Teil schloss Ralf Nähring von dreiform aus Köln mit seinem Vortrag „Oberflächen mit Tiefe – dreiform Knowledge Landscapes“ an. Nach einer kurzen Einführung mit theoretischen Überlegungen zu digitalen Algorithmen und antizipierten Suchvorschlägen weitbekannter Suchmaschinen und was eine Übertragung in drei Dimensionen für Möglichkeiten bieten würde, berichtete er über die spannende Zusammenarbeit mit 3M. Einem best practice Beispiel für die entwickelten Knowledge Landscapes. Hier verbinden sich nämlich in einem Erlebnis, Online- und Offline-Welten für die Besucher_innen auf immersive Weise. Durch an die Waren angeschlossene Bildcodes, die über ein Smartphone oder Tablet ausgelesen werden können, können auf dem Gerät neben dem Kamerabild zusätzliche Visualisierungen, wie Objekte in Bewegung oder in einen imaginären Raum transportiert, gesehen werden. Präsentation, Partizipation, Kollaboration, Inspiration, eine steigende Tendenz, dem Kunden nicht mehr nur etwas zu präsentieren, sondern ihn fast die Marke präsentieren zu lassen, scheinen für Nähring und dem Team von dreiform wichtige Ansätze im Umgang mit ineinanderfließenden Welten zu sein. Durch Customer Related Smart Tours können auch Kundengespräche und -beratungen neue Qualitäten gewinnen. Neben den anzupreisenden Waren werden so auch Anwendungsbereiche der gleichen gezeigt und das Verhalten der Kunden überwacht, sodass auch deren unausgesprochene Wünsche berücksichtigt werden können. Nach einem weiteren Beispiel, dem Big White Space des SLV Visitor Center mit immersiven Projektionsräumen, die sowohl digitale Bilder im Raum als auch analoge Leuchtwaren positionieren, schloss der Gründer von dreiform mit der Feststellung, dass Daten kein Gespräch ersetzen würden, sie aber als digitale Bodenschätze mit vielfältiger Verwendung zu verstehen seien.

Als Abschluss des Panels zeigte Cedric Ebener von CE+CO in Hamburg, mit seiner Präsentation „Crossreale Erlebnisse – Für und Wider einer Entwicklung, die nicht aufzuhalten ist“, ein Barometer dieser Unternehmungen auf. Angefangen mit dem 1973 erschienen Cyborg-Thriller „Westworld“, in dem Roboter gänzlich wie Menschen aussehen und das Leben von Urlauber_innen zu einem tödlichen Spießrutenlauf machten, verdeutlichte Ebener seine Begeisterung für die liquiden Grenzen zwischen Mensch und Maschine. Es folgten weitere Beispiele, wie eine Verbindung von 3D-Kreidezeichnungen und über mobile Endgeräte sichtbare Animationen in der Zeichnung, die als Grundlage für einen Werbefilm von Cadillac dienten. Danach eine Windows App, die mit einfachem Abfahren eines Objektes durch die Kameralinse eines Smartphones, ein 3D Objekt erstellt, was eine Gegenbewegung zu dem im vorherigen Vortrag erwähnten Zusammenhang von der anfänglich digitalen Warenpräsentation zu einem realen Objekt darstellte. Eine wichtige Komponente des Erlebens sah er in der Verbindung von Mixed Reality und einem angebundenen Gruppenerlebnis, wie es in dem von ihm gezeigten Beispiel der Realisierung des Smartphone-Spiels „Angry Birds“ im öffentlichen Raum, Verwirklichung fand. Ganzheitliches Erleben als neuer Luxus war die optimistische Position mit der der Inhaber und Geschäftsführer von CE+CO eine neue, jetzt schon verschmolzene Welt präsentierte. In der abschließenden Diskussionsrunde wurde unter anderem heiß über unsere persönlichen Verstrickungen mit Social Media, Smartphones sowie der damit einhergehende Datenspeicherungskomplex diskutiert, wobei aber der letzte Redner konterte, es sei absurd sich dagegen zu wehren, dass Daten gesammelt würden. Im zweiten Panel der Raumwelten Tagung eröffnete sich eine Welt in der Waren und Unterhaltung und somit ein sehr großer Teil unsere Lebenswirklichkeit sich schon jetzt oder in naher Zukunft phygital darstellen wird. Ob phygital sich positiv für alle Menschen auswirkt, bleibt abzuwarten – wichtig ist es aber sich schon jetzt konstruktiv mit der Thematik zu beschäftigen, denn aufhalten können wir diese
Entwicklung nicht.

Wie schon im letzten Jahr hatte das Raumwelten-Publikum am Freitagabend die Chance, einen Vortrag in besonderem Ambiente zu erleben. Während der Einleitung von den Raumwelten-Geschäftsführern Dittmar Lump und Prof. Ulrich Wegenast wurde nochmals der Fokus der Veranstaltung auf den öffentlichen Raum als Schnittstelle zu Handelsräumen, kulturellen und gesellschaftlichen Räumen betont. Anschließend stellte sich auch der Oberbürgermeister der Stadt Ludwigsburg, Werner Spec vor, der uns ganz herzlich im Ordenssaal des Residenzschloss Ludwigsburg willkommen hieß. Besonders mahnte Prof. Elisabeth Schweeger als künstlerische Direktorin der Akademie für darstellende Künste, Baden-Württemberg an, Wert auf den öffentlichen Raum zu legen und sich für einepositive Gestaltung des Umgangs miteinander zu engagieren. Die Liste der Vorrednerinnen schloss Amber Sayah. Die Redakteurin für Architektur und Kunst in der Kulturredaktion der „Stuttgarter Zeitung“ stellte eine kurze Genealogie der Vortragenden vor, die sie mit den Worten „den Raschs kreist Pionierblut in den Adern“ beschloss.

Dr. Mahmoud Bodo Rasch zeichnete zu Beginn ein eindrucksvolles Bild der Pilgerbewegung in Mekka, die er selber vor ca. 40 Jahren zum ersten Mal sah. Nach seiner Reise an diesen Ort in den siebziger Jahren beschäftigte er sich intensiver mit der Ordnung und Bewegung der Pilgernden, was in einer Forschungsgruppe und erarbeiteten Konzepten der Wegeführung für den, die Kaaba umringenden Ort. Neben seiner theoretischen Auseinandersetzung stellten sich die Arbeiten von Rasch vor allem im Leichtbau dar. Zum Beispiel auch die Entwicklung fahrbarer Großschirmkonstruktionen in Mekka und Medina. Vor allem sollte es aber um den eindrucksvollen Makkah Clock Tower gehen, der über 600 Meter in unmittelbarer Nachbarschaft zum Heiligtum der Muslime in die Höhe ragt. Auf einen Hochhauskomplex, der für die Unterbringung der Pilgerinnen und Pilger dient wurde ein 250 Meter nutzbarer Turm mit oben aufsitzenden vierseitigem Uhrwerk ausgestattet, gebaut. Das Gebäude gilt als die größter Uhrenturm der Welt. Im inneren des fulminanten Uhrenabschnitts befindet sich ein nicht weniger beindruckender Ausstellungskomplex. Das Lunar & Astronomy Center, das Achmed Rasch, ältester Sohn von Mahmoud Bodo Rasch mit einem Team aus Wissenschaftler_innen, Achitekt_innen und Mediengestalter_innen realisiert hat. Unterhalb eines Instituts für Zeiterfassung und –Forschung ergibt sich die Ausstellungsfläche mit Deckenhöhen von bis zu 50 Meter. In einem zentralen Durchbruch wird ein maßstäbliches Modell des Sonnensystems mit einer auf Folie gedruckten und beleuchteten Sonne als Größenmaßstab, die die gesamte Decke ausfüllt von der Decke hängend präsentiert. Außerdem kann man in der Ausstellung ein 20 auf 7 Meter großes Panorama des Nachthimmels über Mekka bestaunen, dass wie das Sonnenbild aus einem Foliendruck, dessen Fugen so fein verarbeitet wurden, dass die Illusion einer durchgehenden Druckfläche entsteht. Des Weiteren befindet sich dort ein 360 Grad Kino in einer Kugel, einen Bereich, der die Milchstraße beschreibt und das größte und detaillierteste Bild der Sternenformation zeigt. Außerdem wurde in einigen Räumen der Boden bedruckt, wofür ein besonderes Keramikbrennverfahren verwandt wurde. Diese Räume stellen sich als besonders immersiv dar. In den Sektionen die sich mit der Erde und dem besonders in der Islamischen Welt bedeutenden Mond beschäftigen, befinden sich riesige detailgetreue Modelle der Materienmassen, die durch zusätzliche Projektionen interaktiviert werden. Neben den klassischen Astronomischen Themen wird im Museum ein besonderer Wert auf lunare Zeitrechnung gelegt und mit vielfältigen Exponaten verdeutlicht.
Im Prunkvollen Ambiente des Ludwigsburger Barockschlosses boten Vater und Sohn Rasch einen interessanten Einblick in eines der größten Bauprojekte der letzten Jahre. Der Makkah Clock Tower steht fulminant neben dem heiligsten Ort einer Weltreligion, wobei sich beide Bauten gegenseitig in ihrer weltlichen und geistlichen Heiligkeit anfeuern. Im Inneren des neuen Uhrenturms, der wie ein Denkmal für die Zeit an sich besteht, werden weltumspannende wissenschaftliche Erkenntnisse visuell eindrucksvoll präsentiert und für die Menschen, die bis in obersten Geschosse des Hochhauses vordringen können präsentiert. Aufgefallen ist hier, dass die Gestaltung der Exposition ganz und gar gewöhnlich für westliche Augen erscheint. Ich bleibe mit der Frage zurück, warum ich dachte, dass es nicht so sei.

Kurator: Jean-Lois Vidière Ésèpe

Die Bretter, die die Welt bedeuten sind gemeinhin die Bodenbeläge in Bühnen in Stadt-, Off- und Revuetheatern. Im letzten Panel des Raumwelten Kongress soll es aber um den Asphalt, die Pflastersteine, den Rasen und alle anderen städtischen Bodenmaterialien gehen, die die Welt bedeuten. Kurzum die Stadt als Bühne und Szenografie im öffentlichen Raum, der wie die klassischen Bühnen auch Performer_innen, Masken und Raumzusammenhänge und ganze Atmosphären hervorbringt. Der Kurator Jean-Louis Vidière Ésèpe begann in seiner Einführung über den Architekten und Städtebauer Camillo Sitte zu reden und seine Publikation „Der Städtebau in seinen künstlerischen Grundsätzen“ von 1889 hervorzuheben. Schon damals hat Sitte die ästhetischen Qualitäten, die für Städte und vor allem deren Benutzung elementar sind in den Vordergrund gestellt. Das letzte Panel des Raumwelten Kongress wollte genau diese Qualitäten beleuchten und ihre Wert bestärken. Den Auftakt machte Jan Eder von realities:united aus Berlin, der mit seinem Büro vor allem in den Bereichen Architektur, Stadtplanung und Kunst am Bau tätig ist. In seinem Vortrag sollte hauptsächlich ein Projekt besprochen werden, was sich als besonders zu der Thematik passend darstellt. „Flussbad Berlin“ ist seit vielen Jahren ein Entwurf, der einen Abschnitt der Spree in ein Freizeitbad umwandeln soll und den Berliner_innen die Möglichkeit bieten wird vom Ufer an und in eine saubere Spree zu gelangen. Hierzu soll der Uferbereich mit Treppen versehen und flussaufwärts eine Filteranlage installiert werden, in der das fließende Gewässer in Sedimenten gereinigt wird, um als Badewasser im Flussbadbereich fließen zu können. An dieser Stelle macht sich vor allem die spielerische Nutzung vorher unbekannter Flächen im städtischen Raum, deren Erschließung transformierende Qualitäten mit sich bringt, bemerkbar. Zu diesem Projekt gesellen sich aber auch andere spannende Ideen, die das Büro hervorbringt. An dieser Stelle sei nur kurz der Entwurf für ein Landmark auf Dänemarks neuer Müllverbrennungsanlage genannt, welches den Rauch des austretenden Kohlenstoffdioxids durch einen Schornstein in riesige Rauchringe verwandelt, die eindrucksvoll in die Atmosphäre verfliegen. Abschließend stellte Eder auch einen Entwurf für das Einheitsdenkmal, dass am Berliner Stadtschloss entstehen soll, vor. Statt eines klassischen Denkmals wurde von den Architekten hier eine Kreisbrücke vorgeschlagen, die den Sockel mit dem anderen Ufer verbindet und auf sehr spielerische und wenig aufdringliche Art und Weise neue Wege öffnet, anstatt sich in Nostalgie zu wiegen.

Den Anschluss machte Sebastian Letz, der Head of Creative Department, Milla & Partner, der über das geplante Einheitsdenkmal seiner Agentur sprach. Neben einem Bericht über die Trägheit und Irrungen und Wirrungen Berliner Stadtpolitik, die dieses Projekt seit mehr als zehn Jahren auf seine Realisierung warten lassen, hat der Vortragende fachmännisch die Sicherheits- und Bautechnischen Zusammenhänge erläutert. Leider kam es an dieser Stelle zu kurz über Sinn und Symbolkraft der nicht unumstrittenen Architektur zu diskutieren. Ist dies das Bild der Demokratie, so wie wir sie leben sollten, wenn die Mehrheitsgruppe, das „Ganze“ in eine Richtung kippen lässt? Auf die Frage welcher Umgang mit der Wortmarke „Wir sind das Volk“ nach PEGIDA und Co im Planungsprozess angeführt wurde, konnte leider nur auf die „Rückbesinnung“ auf den Gebrauch der DDR-Bevölkerung verwiesen wurden. Ich, auf jeden Fall, möchte nur ungern Teil eines „Volkes“ sein, das sich mit diesem Ausspruch schmückt.

Den letzten Vortrag hielt Sodja Zupanc Lotker, Leiterin der Prager Quadriennale 2007 – 2015. Eindrücklich berichtete sie über das kreative Raumnehmen künstlerischer Positionen während des vergangen Festivals. Auf einem zentralen Platz in der Stadt, gerahmt von bestehenden Kulturinstitutionen, wurde eine Landschaft aus weißen Kuben aufgebaut, die einzelne Ausstellungsräume in sich barg – „Intersection:Intimacy and Scpectacle 2011“. Die eingeladenen Künstler_innen aus dem bildenden und darstellenden Bereich inszenierten die Fläche_n zu einem Spielfeld szenografischer Positionen, die sich ihren Raum – und im Gesamten – den städtischen Raum nahmen und sich ihm annahmen. Neben dem öffentlich zugänglichen Happening stellte die Kulturmacherin eine ganz besondere und ganz besonders städtisch transformierende Inszenierung vor, die sich in Zusammenhang mit der Quadriennale ereignete. Von internationalen Künstler_innen initiierte Gruppierungen waren beauftragt, unabhängig voneinander einen vorgegebenen Weg durch die Stadt zu gehen und offene Aufgaben zu lösen. Um mehr in Erscheinung zu treten sollten alle Gruppierungen in aufwendiger und einheitlicher Kostümierung im Stadtraum erscheinen. Neben der Irritation, die z.B. eine Gruppe Senioren im Supermankostüm in der U-Bahn hervorruft besteht hier auch die Möglichkeit einer Verwandlung der Stadt von einem festen architektonischen Gefüge mit fremden Menschen zu einem vordiskursiven Phänomen, dass selbst performativ ist und Menschen hervorbringt und in Erscheinung treten lässt. Der städtische Raum als liminaler Theaterraum. Was ist das also – das Spielfeld Bürgersteig? Nur eine Antwort auf diese Frage wäre vermessen, denn die Ansätze sind vielfältig und an Ideen mangelt es nicht. Nur bis ein Bewusstsein, dass nicht nur der Bürgersteig sondern auch die Kreuzungen, Wohngebiete und Parkhäuser Spielfelder sein sollten, in den Stadtverwaltungen und Bauämtern eintritt braucht es noch viel Überzeugungsarbeit. Wichtig ist das aber allemal – und dafür haben die vier Redner_innen einen großen Beitrag geleistet.